Genossenschaften – eine zukunftsfähige Form des Lebens und Arbeitens
Zur Konferenz
„Agrargenossenschaften heute und morgen – Wirtschaftliche und soziale
Potenziale“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Nossen am 30.10.2000
Am 30. Oktober fand in Nossen eine zweite Veranstaltung im Rahmen der 2. Genossenschaftskonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt. Die erste Veranstaltung im Rahmen der Konferenz fand im Juni in Heiligengrabe statt. Beide Veranstaltungen sollten sich der Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Genossenschaften als eigener Form des Lebens und Wirtschaftens widmen. Naturgemäß standen dabei die landwirtschaftlichen Genossenschaften – und hier wiederum die in Ostdeutschland im Mittelpunkt. Erfreulich war, dass PraktikerInnen und Praktiker aus Genossenschaften, aus den Genossenschaftsverbänden und aus der Politik die Zeit fanden, um diese Frage zu diskutieren. Ausgehend von einer Studie, die durch Kurt Krambach und Hans Watzek mit Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung erarbeitet wurde, und in Auswertung der vielfältigen Erfahrungen der Anwesenden wurde ein breites Spektrum von Fragen und Problemen aufgeworfen, die der Lösung bedürfen. Dies sind sowohl Fragen, die das rechtliche und politische Umfeld der Genossenschaften betreffen, als auch solche, die das Verhalten und das Engagement der Mitglieder der Genossenschaften, der dort Beschäftigten, der Aufsichtsräte und Vorstände betreffen.
Genossenschaftsgedanke als gesellschaftskonzeptionelle
Frage
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung misst der Entwicklung des Genossenschaftsgedankens im Allgemeinen und der Genossenschaften im Einzelnen eine große Bedeutung bei. Als Einrichtung, die der Politischen Bildung verpflichtet ist, sehen wir das Thema „Agrargenossenschaften heute und morgen – Wirtschaftliche und soziale Potenziale“ keinesfalls als ein akademisches Thema. Wir halten die Genossenschaften und andere, der Genossenschaftsidee nahe stehende Strukturen für zukunftsfähige Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens. Die von Kurt Krambach und Hans Watzek im Vorfeld der Konferenz vorgelegte Studie bestätigt uns in dieser Hinsicht – genauso wie die vielfältigen Erfahrungen von Genossenschaften in anderen Staaten der EU wie auch in anderen Teilen der Welt.
Diese Erfahrungen belegen aber auch, dass es eine Aufgabe von Politik ist, dieser Form des Wirtschaftens und des Zusammenlebens einen entsprechenden Rahmen für Entwicklung zu geben. Wir als Rosa-Luxemburg-Stiftung wollten mit dieser Veranstaltung einen Beitrag dafür leisten, dass die Idee genossenschaftlichen Arbeitens und Lebens in der Gesellschaft verbreitet, ein genossenschaftsfreundliches oder -freundlicheres Klima geschaffen wird. Der Austausch von Erfahrungen über Ergebnisse, Probleme, Potenzen, Grenzen und Begrenzungen von Genossenschaften und anderen Gemeinschaftsunternehmen in der Landwirtschaft war für uns daher eine wichtige Quelle für die weitere Arbeit auf diesem Gebiet. Wir setzen damit einen bereits seit mehr als fünf Jahren laufenden Diskussionsprozess fort, der vor allem vom agrar- und landpolitischen Podium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, hier unter anderem von Hans Watzek und Kurt Krambach vertreten, über die Jahre getragen wurde.
Genossenschaften im
Schnittpunkt von Visionen und Realpolitik
Hervorzuheben sind aus unserer Sicht vor allem folgende Gesichtspunkte, die sich z.T. vielleicht auch etwas visionär ausnehmen mögen. Wir waren und sind uns dabei dessen bewusst, dass Fragen, wie die nach den Folgen der EU-Osterweiterung, den Konsequenzen der Veränderungen in der EU-Förderpolitik, der Raumordnungs- und Bodenpolitik, Fragen der Marktstellung der landwirtschaftlichen Betriebe, der Liquiditätssicherung und Finanzierung, der Auseinandersetzung mit ehemaligen Mitgliedern usw. usf. für die PraktikerInnen von viel brennenderem Interesse sein mögen – aber die einführenden Beiträge auf beiden Veranstaltungen der Konferenz wie auch die folgenden Diskussionen bestätigten, dass auch weiterreichende Überlegungen notwendig und auch gewünscht sind.
1. Genossenschaften in der Landwirtschaft sind, zumindest in den ostdeutschen Bundesländern, eine akzeptierte und gewohnte Erscheinung. Von hier können so wichtige Impulse auf Genossenschaften bzw. die Gründung von Genossenschaften in anderen Bereichen ausgehen: So ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass die Idee der Wohnungsgenossenschaften eine zaghafte Renaissance erfährt, es gibt selbst Genossenschaftsgründungen von EDV-SpezialistInnen. In anderen EU-Ländern spielten und spielen Genossenschaften in verschiedenen Bereichen der Volkswirtschaft eine wichtige beschäftigungspolitische und soziale Rolle. Im Rahmen der EU werden sie als eine wesentliche Komponente des sog. Dritten Sektors betrachtet. Hier muss die Bundesrepublik noch lernen, hier müssen vor allem ideologisch motivierte Vorbehalte und Blockaden gelöst werden.
2. Genossenschaften
in der Landwirtschaft können wichtige Kristallisationspunkte für die
Entwicklung bzw. Revitalisierung regionaler Wirtschaftskreisläufe. Dabei verstehen
wir die Entwicklung regionaler Wirtschaftskreisläufe als ein entscheidendes
Gegengewicht zu den politischen und Unternehmensstrategien, wie sie unter dem
Schlagwort der Globalisierung zusammengefasst werden. Die Vertiefung der
internationalen Arbeitsteilung (dem ökonomischen Inhalt der Globalisierung)
schließt aktive regionale und auch auf die Region gerichtete Entwicklung nicht
aus – im Gegenteil – zu schafft potenziell neue Möglichkeiten für die Regionen.
Die Frage ist vielmehr eine, die mit den Interessen der mächtigsten Akteure der
Weltwirtschaft zusammenhängt: bedeutet Globalisierung Ausverkauf der Region,
jenseits ökologischer und sozialer Maßstäbe – oder wird ein vernünftiges
Gleichgewicht zwischen internationaler Arbeitsteilung und regionaler Arbeitsteilung
gefunden. Die Entwicklung stabiler regionaler Kooperationsbeziehungen, in denen
ökonomische, soziale und ökologische Zielstellungen eine weitgehende Einheit
bilden braucht von landwirtschaftlichen Genossenschaften nicht einfach als
Ergebnis eines intellektuellen Prozesses gefordert werden, sie können anders
als andere Unternehmensformen diese Einheit vorleben. Landwirtschaftliche
Produktion liefert letztendlich eine fast unüberschaubare Fülle von
Ansatzpunkten für den Aufbau von Verarbeitungskapazitäten, die Entwicklung
neuer Produkte und Verfahren oder die Widerentdeckung vergessener Produkte und
Verfahren. Sie stellen immer auch einen entscheidenden Nachfragefaktor dar.
Damit schafft sie aber genauso eine Fülle von Ansatzpunkte für Partnerunternehmen
in der Region, die aber nur dann fruchtbar gemacht werden können, wenn
entsprechende, letztlich in vielen Punkten wiederum der Genossenschaftsidee
verpflichtete Formen der Kooperation realisiert werden. Das soziale Gewicht der
Genossenschaften sollte auch in seinen Wirkungen auf das Interesse der
örtlichen Verwaltungen an einer Unterstützung derartiger Prozesse nicht
unterschätzt werden.
Sicher muss man gegenwärtig konstatieren, dass die Bedingungen für eine
sozialen und ökologischen Maßstäben unterworfene Entwicklung schlecht stehen,
dass sich ein gewisser Fatalismus angesichts der scheinbar übermächtigen
Sachzwänge verbreitet – Gemeinschaftsunternehmen können aber gerade in dieser
Situation zeigen, dass andere Entwicklungswege möglich sind.
3. Die Entwicklung von Genossenschaften in der Landwirtschaft sind unserer Auffassung nach wichtige Faktoren der Revitalisierung des ländlichen Raumes als Lebenswelt eigener Qualität. In ihrer sozialen Funktion können sie einen wichtigen Beitrag dafür leisten, den ländlichen Raum zu mehr als zum Umland der Großstädte machen. Die bereits erwähnte Entwicklung von Kooperationsbeziehungen zwischen landwirtschaftlichen Unternehmen, ortsansässigen Unternehmen, die deren Produkte verarbeiten, HandwerkerInnen und anderen ortsansässigen Unternehmen, Touristikunternehmen, ökologisch orientierten Produzenten von Ausrüstungen für die Landwirtschaft und Handelsunternehmen sehen wir als eine wichtige Voraussetzung dafür, auch die kulturelle und soziale Infrastruktur zu erhalten und auszubauen, zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen und so die unübersehbaren Tendenzen zur Landflucht vor allem junger Menschen zu stoppen.
4. Eng damit verbunden sehen wir in den Genossenschaften bzw. Gemeinschaftsunternehmen in der Landwirtschaft wichtige potenzielle Träger eines Wandels zu ökologisch und sozial nachhaltigen Formen des Wirtschaftens. Die Arbeit in der Landwirtschaft ist immer direkte Auseinandersetzung mit ökologischen Sachverhalten, mehr noch – die unmittelbare Gestaltung von Umwelt. Immer schon hat die Landwirtschaft so oder so eine wichtige umweltgestaltende Rolle gespielt. Die in Gemeinschaftsunternehmen manifeste Einheit, oder Nähe, von Eigentum, Arbeit und Natur sowie die Verbindung dieser umweltgestaltenden Arbeit mit modernster Technik sollte in zunehmendem Maße als Chance verstanden werden. Die hier unmittelbar präsente Wechselwirkung von Mensch, Gesellschaft und Natur macht landwirtschaftliche Unternehmen dieses Typs eigentlich zu idealen Partnern, wenn es um die Entwicklung, Bewertung und Einführung neuer Technologien und Produkte geht. Wo liegt – könnte man fragen – unter diesen Bedingungen eigentlich die Zukunft landwirtschaftlicher Unternehmen, wie wird das landwirtschaftliche Unternehmend er Zukunft aussehen; werden hier vielleicht tatsächlich, wie Visionäre über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder forderten, landwirtschaftliche, geistige und handwerkliche/industrielle Arbeit tatsächlich miteinander verschmelzen? Zu prüfen wäre, wie in diesem Kontext die beschäftigungspolitische Wirksamkeit der Genossenschaften weiter erhöht werden könnte.
Angesichts der Realitäten mag einiges des hier gesagten abseitig klingen – aber politische Bildung ist immer auch die Frage nach Zukunftsszenarien, nach Varianten von Entwicklung, nach Zielen, nach Möglichkeiten des Einzelnen, selbst Prozesse in der Gesellschaft zu bestimmen. Und landwirtschaftliche Genossenschaften sind unserer Auffassung nach eine solche Möglichkeit.
Wie soll es weitergehen?
Im Mittelpunkt der Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung wird in der nächsten Etappe stärker der Genossenschaftsgedanke und seine Potenziale auch in anderen Bereichen der Gesellschaft stehen. Die Erfahrungen der Diskussionen zu den landwirtschaftlichen Genossenschaften sollen hier natürlich mit einfließen – und die nun anstehenden Diskussionen sollen natürlich auch in die weiteren Diskussionen zur Zukunft der Agrargenossenschaften einfließen. Daneben werden wir uns in den nächsten Monaten konzentrierter mit der Frage nach der Zukunft des ländlichen Raumes beschäftigen – eine Frage, die auch und gerade für landwirtschaftliche Genossenschaften interessant sein dürfte.