Begrüßung

Dr. Lutz Brangsch, Rosa-Luxemburg-Stiftung

Ich möchte sie alle sehr herzlich zu dieser Veranstaltung begrüßen. Wir führen diese Veranstaltung zu einem politisch sehr interessanten und brisanten Zeitpunkt durch. Das Problem der Arbeitslosigkeit wird angesichts des konjunktur- und statistikbedingten Rückgangs der Arbeitslosenzahlen neu diskutiert. Mit dem Projekt „Gute Arbeit“, das von der IG Metall initiiert wurde, liegen gleichzeitig interessante Ergebnisse bezüglich der Frage nach zukunftsfähiger Arbeit – vor allem hinsichtlich der Arbeitsbedingungen - vor. Vor einigen Wochen ist eine Publikation dieses Projektes erschienen, in der sehr viele Probleme und Beispiele für den Umgang mit zukunftsfähiger Arbeit beschrieben werden. Beide Aspekte, also die Möglichkeit, in einem Lohnverhältnis oder selbstorganisiert zu arbeiten bzw. die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen, wie auch die Qualität der Arbeitsbedingungen sollten gleichermaßen im Fokus stehen, wenn wir über „Gute Arbeit in Berlin“ diskutieren.

Die PDS bzw. Die Linke und ihre Landtagsfraktionen können sich dabei auf eine eigene Tradition der Auseinandersetzung mit dem Thema stützen. Seit Beginn der 90er Jahre, das heißt also in der Phase des Zusammenbruchs der DDR und der Neuentstehung der Bundesrepublik Deutschland, war die Auseinandersetzung mit dem Thema „Arbeit“ immer ein politischer Schwerpunkt. Unter dem Eindruck des Vereinigungsbooms und seiner beschäftigungspolitischen Folgen in den ostdeutschen Bundesländern war die Frage nach einer Verknüpfung der Struktur- und Beschäftigungspolitik Anfang der 90er Jahre eine der zentralen Fragestellungen in den beschäftigungspolitischen Positionsbestimmungen. Dabei orientierten wir uns auch an den gewerkschaftlichen Erfahrungen und Erfahrungen der sozialen Bewegungen in den westdeutschen Bundesländern. Wir haben auf diesem Feld die Frage der Kooperation zwischen Arbeitsämtern, Kommunen und Freien Trägern zur Milderung der Beschäftigungskrise in den ostdeutschen Bundesländern thematisiert. Wir diskutierten in diesem Zusammenhang die Rolle des Öffentlichen Dienstes und öffentlicher Unternehmen als Faktoren von Beschäftigungspolitik sowie ihre Verantwortung bei der Schaffung von Arbeitsplätzen. Wir debattierten auch die Bedeutung regionaler Wirtschaftskreisläufe, beispielsweise unter Einbeziehung der Sparkassen, anderer öffentlicher Unternehmen, Beschäftigungsträger und ortsansässiger Unternehmen. Mittel der Sozialämter, der Arbeitsämter und der bundesdeutschen sowie EU-Struktur- und Beschäftigungsförderung sollten abgestimmt eingesetzt werden. Solch ein umfassenderer Ansatz von „Guter Arbeit“ war damals breiter in der Gesellschaft verankert als heute. Große Hoffnungen wurden in ABM gesetzt: Menschen sollten erst einmal in Arbeit gebracht werden, dann sollte die sich entwickelnde Konjunktur in den ostdeutschen Bundesländern schon neue Arbeitsplätze schaffen. Regine Hildebrandt stand für dieses stark sozial geprägte Konzept. Doch es war eben ein Konzept jenseits der Strukturentwicklung und musste so schließlich scheitern. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an den von der SPD favorisierten Entwurf eines Arbeits- und Strukturfördergesetzes. Mit diesem Papier wurden zum Teil Forderungen, die in den 90er Jahren auch durch die PDS vertreten wurden, aufgegriffen. Das hätte tatsächlich eine Veränderung der Förderlogik und des Umgangs mit Arbeitslosigkeit befördern können. Diese Ansätze sind, wie wir ja alle wissen, schließlich gescheitert. Mit der Agenda 2010 wurde in einer größtmöglichen Koalition von CDU bis Grünen ein grundsätzlich anderer Weg eingeschlagen.

 

Spricht dieses Scheitern gegen die Beständigkeit einiger Grundaussagen der Vor-Agenda-Diskussion?

Natürlich kann man diese Diskussion nicht 1:1 in die Gegenwart übertragen. Die Bedingungen haben sich geändert. Offensive Formen von Interventionen in der Art und Weise, wie wir sie vom Anfang der 90er Jahre kennen, sind nicht nur abgebrochen, sondern auch diskreditiert . Es gibt viele Punkte, die wir als veränderte Bedingungen respektieren müssen. Dies betrifft z.B. die Rolle und Organisationsfähigkeit der Gewerkschaften. Das begann schon 1991: Es sei nur an eine Abmachung zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden erinnert, in der - bezogen auf die ostdeutschen Bundesländer -Lohnverzicht auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Schaffung von Arbeitsplätzen vereinbart wurde. Wir haben eine Veränderung des Charakters der Bundesanstalt für Arbeit, die faktische Abschaffung der Selbstverwaltung sowie eine grundsätzliche Veränderung der Förderphilosophie zu konstatieren. Repressive Momente haben gerade mit den Hartz-Gesetzen an Gewicht gewonnen. Nischen, die sich durch die Förderpolitik der BA und der Sozialämter ergaben, sind verschwunden. Die Verkürzung des Bezugs von Arbeitslosengeld I ging ohne großen Widerstand in der Öffentlichkeit durch. Das Wechselspiel von sinkender politischer Durchsetzungsfähigkeit der Gewerkschaften und technologischen Veränderungen ist mit einer Zurückdrängung der Normalarbeitsverhältnisse, wie sie noch zu Beginn der 90er Jahre existierten und wachsender Arbeitsintensität verbunden. Eine völlig neue Situation hat sich bezüglich der Rolle von Arbeitszeit sowie von Arbeitszeitverkürzung als soziale, ökonomische und beschäftigungspolitische Frage herausgebildet. Die mit den modernen Technologien mögliche zeitliche und räumliche Entgrenzung von Arbeit, die möglich und oft auch realisierte totale Verfügung der Unternehmen über die Lebenszeit von Beschäftigten aller Hierarchiestufen ist n seinen gesundheitlichen, kulturellen, sozialen und letztlich auch beschäftigungspolitischen Konsequenzen noch gar nicht völlig zu überschauen.

Prekarisierung ist eine Massenerscheinung geworden. Niedriglöhne sind, bei allen Diskussionen, doch in einem Maße akzeptiert, wie wir das in den 90er Jahren nicht kannten. Es ist für viele Menschen heute durchaus eine normale Sache, dass extreme Niedriglöhne gezahlt werden. So haben sich die anfangs scharfen Reaktionen auf Kombilohn-Modelle weitgehend gelegt. Auch der demographische Wandel wurde als Argumentation für Veränderungen in der Arbeitswelt erkannt. Dass er nicht bereits in den 90er Jahren berücksichtigt wurde, steht auf einem anderen Blatt. Aber er wurde in den letzten Jahren zu einem wesentlichen Ausgangspunkt für die Bestimmung von Instrumenten in der Beschäftigungspolitik - offensichtlich auch unter dem Eindruck der entsprechenden Reaktionen in den Unternehmen selber.

In den Unternehmensstrategien schließlich haben wir eine Verschiebung der Zielkoordinaten zu verzeichnen. Die Frage der Rendite und der Akzeptanz des Primats von Renditezielen ist größer als früher. Auf dieser Ebene wird in den Wirtschaftseliten die Arbeitslosigkeit heute in viel geringerem Maße als politische und stabilitätsgefährdende Problematik diskutiert. Man meint offensichtlich, mit repressiven Mitteln die Lage beherrschen zu können.

Die Frage nach der „Guten Arbeit“ in einem sehr breiten Sinne ist demzufolge viel brisanter als sie noch in den 90er Jahren gewesen ist.

Wo liegen angesichts des hier gezeichneten Bildes eigentlich Potenziale, um eine Änderung der beschäftigungspolitischen Situation zu erreichen?

Anzuführen sind hier z.B. die Proteste gegen Hartz IV, die ja immerhin zu einer wesentlichen Veränderung der politischen Landschaft beigetragen haben - nämlich mit der Gründung der WASG und dann der Vereinigung von WASG und PDS zur Linken. Wenn heute der Kondestlohn in Regierung und Gewerkschaften ganz anders diskutiert wird, als in den neunziger Jahren, ist dies zweifelsfrei auch Resultat dieser Verschiebungen im Feld des Politischen. Die von Gewerkschaften getragene Kampagnen für einen Mindestlohn, hat wesentlich bewirkt, dass diese Forderungen mittlerweile durch Teile der „Wirtschaft“ und die Regierung in irgendeiner Art und Weise aufgegriffen werden muss. Erinnert sei auch an die Diskussionen zu Genossenschaften oder zur solidarischen Ökonomie, die in den sozialen Bewegungen zunehmend geführt wird. Und natürlich sollte man auch in Rechnung stellen, dass die Menschen sich in diesen 17 Jahren verändert haben. Neue Bedürfnisse im Arbeitsleben, neue Anforderungen aber gleichzeitig auch Anforderungen an die Gestaltung des politischen Umfeldes, werden in nächster Zeit als ein positiver Faktor für Veränderungen in der Beschäftigungspolitik zu nutzen sein. Notwendig ist daher eine neue Welle von Kreativität in der Beschäftigungspolitik, die durchaus vergleichbar sein sollte mit den Diskussionen wie wir sie in den 90er Jahren - zumindest hier in Berlin - gehabt haben.

Unter diesem Gesichtspunkt sind grundlegende Ansätze, wie sie in der Linken nicht erst in den neunziger Jahren, aber auch da diskutiert wurden das Verbindende zwischen den 90ern und den 2000ern. Der wichtigste Bezugspunkt ist die Forderung, sich bei der Entwicklung von beschäftigungspolitischen Konzepten vorbehaltlos an den Ursachen von Arbeitslosigkeit und schlechter Arbeit zu orientieren.

Was heißt das nun? Es sind folgende Punkte, die ich der Diskussion mit auf den Weg geben möchte.

Der erste Punkt ist: Wir dürfen uns nicht an Arbeitslosigkeit und an Schlechte Arbeit gewöhnen, auch nicht, indem wir den Ausstieg aus gesellschaftlich organisierter Arbeit (und dies ist heute Lohnarbeit) als den Königsweg propagieren. Die Überwindung der Beschäftigungskrise kann nur gelingen, wenn eine Ausweitung sozialer Absicherung (einschl. stabiler Arbeitsverhältnisse), eine aktive Strukturpolitik und eine umfassende Demokratisierung aller diesbezüglichen Entscheidungsprozesse in einer Einheit gedacht und realisiert werden. Die Unduldsamkeit gegenüber Arbeitslosigkeit und Schlechter Arbeit ist aber nicht nur ein ökonomisches Problem, sondern vor allen Dingen auch ein kulturelles, moralisches Problem und bleibt immer eine politische Angelegenheit. Die Akzeptanz von Niedriglöhnen, Arbeitslosigkeit sowie sehr breit aufgestellter Formen repressiver Arbeitsmarktpolitik führt letztendlich immer zur Spaltung zwischen Arbeitslosen und Beschäftigten bzw. unter den Beschäftigten. Wenn die Regierenden und die Unternehmer die Beschäftigungspolitik auf eine mehr oder weniger enge Definition von Arbeitsmarktpolitik zurückzudrängen haben sie genau diese Entsolidarisierung im Blick. Wie die auch in der DIE LINKE geführte Grundeinkommens-Debatte zeigt, sind damit sehr prinzipiell Fragen nach Arbeit und Lohnarbeit, nach dem Verhältnis von Lokalem und Globalem, nach sinnvollem Leben, nach den Potenzialen und Grenzen von Selbstorganisation, nach dem Charakter von Solidarität, nach dem Charakter sozialer Sicherungssysteme - hier eben speziell auch der Bundesanstalt für Arbeit - gestellt.

Der zweite Punkt ist die Öffentlichkeit der Diskussion. Ich denke, dass in noch stärkerem Maße als wir es derzeit tun, Fragen der Zukunft von Arbeit in beiden Dimensionen - also der Guten Arbeit wie auch der Beschäftigungspolitik - viel stärker in die Öffentlichkeit gehören und Konzeptdiskussionen auch in viel breiterem Maße öffentlich geführt werden sollten. Beschäftigungspolitik neuer Art wird nicht einfach von oben zu dekretieren sein. Insoweit ist die Diskussion, die heute sehr stark auch unter dem Fokus der Regierungsbeteiligung der Linken in Berlin steht, nur ein Teil der Debatte. Ich meine, dass die Frage von Selbstorganisation Betroffener, der Ausbau nicht repressiver Formen von Arbeitsförderung und die Frage einer neuen Reform der Bundesanstalt für Arbeit genauso auf die Tagesordnung gehören, wie Verbesserungen (oder Wiederherstellung) von traditionellen Formen der Arbeitsförderung. Rosa Luxemburg setzte großes Vertrauen in die „Weisheit der Massen“ – linke Politik sollte auch heute durch dieses Vertrauen charakterisiert sein.

Der dritte Punkt: Wir sollten in den Diskussionen über Arbeit, Arbeitslosigkeit und Beschäftigungspolitik ein hohes Maß an Wahrhaftigkeit an den Tag legen, sowohl was die Statistiken als auch was die Sprache betrifft. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, mit rhetorischen Floskeln oder modisch erscheinenden Gesellschaftsbildern die Probleme zu verdecken. Ich möchte nur an drei Begriffe, die oft benutzt werden, hinweisen: die Wissensgesellschaft beispielsweise, die eine universelle Begründungsfloskel ist, um alles mögliche zu erklären; der demographische Wandel, der ebenfalls oft sehr undifferenziert als Erklärung von Arbeitslosigkeit älterer Menschen beschrieben wird oder auch der Begriff der Globalisierung, der immer wieder sehr pauschal benutzt wird. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Ich denke, dass man sich in der Sprache, die wir auf diesem Feld benutzen, auch ganz klar ausdrücken sollte: Sprache ist nie wertfrei und unpolitisch. Denn es sind immer harte politische und ökonomische Entscheidungen, die hinter Arbeitslosigkeit oder nicht-Arbeitslosigkeit, hinter der konkreten Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen und der Gestaltung von Arbeitsplätzen stehen – wir dürfen nicht das Gefühl dafür verlieren, dass derartige Entscheidungen für die Betroffenen existenziell sind, und Mitgefühlsbekundungen ihnen nicht helfen. Es werden Interessen berührt, Spielräume für die einen geschaffen, für die anderen eingeengt. Der Versuch, durch den Anruf von demographischem Wandel, Wissensgesellschaft oder Globalisierung der Benennung von Interessen auszuweichen, führt immer in eine Sackgasse und zum Verlust von Glaubwürdigkeit. Dann ist es allemal besser, die Unmöglichkeit der Realisierung bestimmter Ziele offen zu konstatieren.

 

Eine linke Sicht auf „Gute Arbeit in Berlin“ sollte also, so mein Fazit, heißen: Beschäftigungspolitik ist nicht primär eine Frage von Techniken und der Art und Weise, wie man den Umgang mit Arbeitslosen organisiert. Für uns muss es um die Frage gehen, inwieweit Räume für Solidarität geschaffen werden. Gemeint ist damit natürlich die Solidarität zwischen Lohnarbeitenden und Arbeitslosen, aber auch die zwischen denen und all jenen UnternehmerInnen und Selbständigen, die Arbeitslosigkeit und Schlechte Arbeit nicht akzeptieren wollen. Aus dieser Solidarität müssen Ideen und Legitimation für die nötigen politischen Entscheidungen erwachsen. Nur dann werden wir hier nachhaltige Erfolge erringen können. Nur aus dieser Solidarität sind Konzepte zu schöpfen, die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Anforderungen gleichermaßen entsprechen.

Um den Ausgangspunkt meiner Begrüßung aufzugreifen: Anfang der 90er Jahre schien ein derartiger neoliberaler Durchmarsch, wie er mit der Agenda 2010 erreicht wurde wurde, in Deutschland unmöglich. Viele haben gesagt, das wird nie bei uns passieren. Dieser Durchmarsch und diese - aus der Sicht ihrer Initiatoren - doch sehr „erfolgreiche“ Politik zeigt, dass wir gefordert sind, die gleiche Beharrlichkeit und die gleiche Kreativität an den Tag zu legen. Ich hoffe, dass die Veranstaltung in diesem Sinne Diskussionen, die in den letzten 17 Jahren geführt wurden aufgreift und Ansatzpunkte für diese Beharrlichkeit und Kreativität liefert.