Arbeit - Welche wollen wir?

 

Was macht Gesellschaft aus, was macht den Menschen aus? Die Antwort auf diese Fragen bestimmt die Antwort auf die Zukunft von Arbeit und Sozialem, der nach dem, was Freiheit und Verantwortung bedeuten und bedeuten können. Keine der Fragen und der möglichen Antworten sind voraussetzungslos. Wir Menschen als Individuen im engsten Sinne wie auch als gesellschaftliche Wesen sind nicht frei - in beiderlei Hinsicht bewegen wir uns immer als Träger von Geschichte. Unsere Erfahrungen, unsere Werte und Antriebe sich sowohl biologisch-geschichtlicher wie auch gleichzeitig gesellschaftlich-geschichtlicher Natur. Das Bindeglied zwischen beidem ist die Arbeit - Arbeit im Sinne der zielgerichteten bewussten Auseinandersetzung mit der Natur, der bewussten Veränderung der Umwelt entsprechend den eigenen Bedürfnissen und des eigenen Zusammenlebens. Die Gleichzeitigkeit von Naturveränderung und gesellschaftlicher wie auch individueller Fortentwicklung macht den Unterschied von Mensch und Tier aus. Dieses Verständnis des Verhältnisses von Arbeit und Leben bzw. Menschsein wird heute nicht mehr allgemein geteilt. Aus der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit wird der Schluss gezogen, dass der Gesellschaft die Arbeit ausginge und Erwerbsarbeit daher nicht mehr zentraler Punkt der Sozialisierung sein könne. Gesellschaftlichkeit werde nicht mehr durch Arbeit hergestellt, das verliefe heute in anderen Bahnen, dazu wären andere Instrumente einzusetzen. Außerdem arbeiteten viele Menschen nicht mehr in den klassischen Formen von Erwerbsarbeit. Daraus werden wiederum mit unterschiedlichen gesellschaftskonzeptionellen Ambitionen Forderungen nach Grundeinkommen, Bürgergeld, nach mehr ehrenamtlichem Engagement usw. abgeleitet. Leben wir also noch in einer Arbeitsgesellschaft? Hat sich der Mensch auf der Natur soweit gelöst, dass der mitunter als anthropolgisch bezeichnete, von einer Kontinuität menschlicher Entwicklung ausgehende Arbeitsbegriff nicht mehr trägt und nicht mehr Bezugspunkt gesellschaftskonzeptioneller Debatten und Auseinandersetzungen sein kann? Ist das Recht auf Arbeit obsolet geworden? Wo soll Politik den Fokus setzen - Arbeit für alle, Einkommen für alle - oder etwas dazwischen?

Natürlich sind die Veränderungen, auf die sich viele AnhängerInnen der These vom Ende der Arbeit beziehen, real.

Bisher erforderte die Veränderung der Natur nach den immer wieder neu entstehenden Bedürfnissen der Menschen in zunehmendem Maße gemeinsames koordiniertes Handeln immer größerer Menschenmassen. Ein erreichtes Maß an Bedürfnisbefriedigung erscheint der folgenden Generation als normal, als unbedingt zu befriedigende Bedürfnisse, die die Grundlage für neue Arten der Produktion, für neue Gegenstände der Konsumtion bilden. Was noch vor zwanzig Jahre eine gute Drehbank, bedient von noch teilweise nach handwerklichen Traditionen ausgebildeten FacharbeiterInnen ausmachte, erfordert heute eine CNC-gesteuerte Maschine, die von Fachkräften anderer Art bedient werden. Heute wird mit einem billigen Heim-PC eine Rechenleistung realisiert, die nicht mit der der ersten kommerziell genutzten Computern in Hausgröße zu vergleichen ist. Und was wird mit dieser Rechenleistung gemacht - Mann (bisher ist diese Geschlechterfixierung auch berechtigt) ... spielt, spielt Spiele, die zu einem großen Teil in den Siebzigern noch als militaristische Machwerke betrachtet worden wären oder Spiele, wo Arbeit gespielt wird, vornehmlich, indem man andere arbeiten lässt. Aus der damaligen Sicht eine sinnlose Verschwendung , aus der heutigen Sicht ein normaler Vorgang, der aus der Wechselwirkungen von Produktion und Konsumtion, von technisch und sozialen Möglichkeiten auf der einen und konsumtiven und produktiven Bedürfnissen (also Bedürfnissen in den Sphären der Produktion und der Konsumtion) auf der anderen Seite erwächst. Diese aus der Sicht der sechziger Jahre hier vor sich gehende Verschwendung ist aber selbst nun Voraussetzung dafür, dass Menschen in der Produktion mit modernen Maschinen, mit Computern, mit neuen System der Produktion von Gütern und Leistungen umgehen können - in diesem Sinne produziert die Konsumtion auch einen den Anforderungen in anderen Bereichen adäquate Fähigkeiten und Fertigkeiten, sie produziert einen bestimmten Typ von Produzenten. Egal, ob der Übergang vom Faustkeil zum Metallwerkzeug, oder von der klassischen Drehbank zur CNC-gesteuerten Maschine, ob von der Tontafel zum CAD-System betrachtet wird - immer werden wir diese Wechselwirkungen beobachten. So liefert gesellschaftlich geleistete Arbeit nicht nur en Raum von Sozialisierung, sondern liefert auch mit ihren Resultaten Gegenstand der Konsumtion, bestimmt Art und Weise der Konsumtion und wirkt im weitesten Sinne gegenständlich kulturproduzierend.

Sobald Gesellschaft nicht mehr in der Lage ist, diese Wechselwirkungen zu gestalten, muss sie als Gesellschaft auseinander brechen. Es ist bedauerlich, dass die Wahrheit, dass das meiste, was konsumiert wird, erst einmal produziert werden muss, durch Interessenträger banalisiert wurde. Diese Wahrheit bedeutet nämlich nicht, dass die Art, wie produziert und verteilt wird damit unveränderlich gesetzt seien. Eine andere polemisch eingesetzte Redensart ist: Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern arbeiten um zu leben. Was bedeutet aber Leben? Leben bedeutet sich in der Gesellschaft bewegen zu können, in Beziehungen eingebunden zu sein, zu konsumieren natürlich auch. Arbeit ist Teil des Lebens, wie die Muße auch, die Entgegensetzung beider Sphären, wie sie ja tatsächlich auch erlebt wird, ist nur eine scheinbare, vor allem aus den gegebenen gesellschaftlichen Beziehungen und Machtungleichgewichten resultierende.

Selbst die Massenarbeitslosigkeit kann nicht außerhalb es Kontext zur gesellschaftlichen Arbeit gesehen werden. Sie entsteht nicht aus der neuen Technik, sondern daraus, wie neue Technik eingesetzt, wie Arbeitsteilung organisiert wird. Sie greift in die Gestaltung von Arbeit und Leben ein, indem sie die Marktpositionen der Beschäftigten verändert. Dies gilt nicht nur für die ökonomische Position, auch für politische. Die Weigerung im Extremfall sich nicht mehr dem Regime der Produktion zu unterwerfen, den Verwertungszyklus von Kapital zu unterbrechen hat sich als wichtige gesellschaftliche Institution erwiesen. Ihre Wirksamkeit erzielten diese primär ökonomischen  oder ökonomisch scheinenden Kämpfe nicht immer aus der Zahl der Streikenden, sondern aus der Organisiertheit des Kampfes und aus dem ökonomischen Gewicht der Aktionen. In dem Maße, in dem sich die Organisationsfähigkeit der Gewerkschaften sinkt, in Maße ist es schwieriger, die Interessen der Beschäftigten und der Arbeitslosen gleichermaßen zu verteidigen. Prekarisierung, Armut usw. führen nicht in eine adäquate Kompensation der Positionsverluste der Gewerkschaften. Der Verlust des sozialen Raumes Fabrik oder Unternehmen ist nicht oder noch nicht durch den Gewinn neuer Räume sozialer Organisation aufgefangen.

Der Fokus sollte also weniger auf dem Beschwören des Endes der Arbeit liegen, sondern auf der menschgemäßen Gestaltung der tatsächlich notwendigen Arbeit und der Schaffung von Arbeitsplätzen in den Bereichen der Lebensgestaltung, in denen Defizite gut bekannt sind. Es geht um gesellschaftliche Arbeit, um Arbeit die einen gesellschaftlichen Bezug und gesellschaftliche Anerkennung erfährt, die gesellschaftlich organisiert ist, gesellschaftliche Anerkennung einschließt, von und mit der Mensch leben kann. Das schließt einen Ausbau sozialer Sicherung und eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht aus, ist vielmehr Bedingung für menschgemäße Arbeit. Zu diesem Ideal gehört auch die Vielfalt von Arbeit, der Wechsel von Arbeitsfunktionen als normales Moment von Leben, als Bereicherung, nicht als Bedrohung. Nicht der Ausstieg aus dem Regime von gesellschaftlicher Arbeit sondern die bewusste Gestaltung gesellschaftlicher Arbeit ist das Gebot. Die Diskussion muss sich aus der Gleichsetzung von gesellschaftlicher bzw. vergesellschafteter Arbeit und Lohnarbeit lösen - der Fetisch Lohnarbeit sarf nicht durch den Fetisch Eigenarbeit abgelöst werden.

Nur in einem solchen Kontext macht "das Recht auf Faulheit" Sinn. Arbeit nicht als Selbstzweck, sondern als gesellschaftlichen, solidarisch-kooperativen Prozess gestalten und damit Muße allen möglich machen.

Lutz Brangsch, Sommer 2006