...
Der
Grundwiderspruch der kapitalistischen Ordnung besteht zwischen dem gesellschaftlichen
Charakter der Produktion und der privaten Aneignung des Produkts. Das ist der
Grundwiderspruch aus einer bestimmten Sicht formuliert. Vielleicht können wir
mit dem Grundwiderspruch der kapitalistischen Ordnung etwas anfangen.
Die
Produktion im Sozialismus hatte selbstverständlich ebenfalls gesellschaftlichen
Charakter. Ohne Zweifel gab es, von kriminellen Ausnahmen abgesehen, keine
private Aneignung des gesellschaftlichen Produkts. Dieser Widerspruch war also
aufgehoben, aber wohin aufgehoben? War denn die Aneignung des Produkts gesellschaftlich?
Entsprach also die Aneignung dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion?
Im
Kapitalismus entspricht die Form der Aneignung dem Charakter der Produktion
nicht, weil die Produktionsmittel Privateigentum sind. Das bestimmt die private
Form der Aneignung des Produkts. Dieser Widerspruch wird aufgehoben, indem die
Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum werden. Eigentum und Aneignung
sind hier Abstrakta, doch in der Wirklichkeit vollzieht sich die Aneignung des
Produkts konkret, ist konkrete Verfügung über Mittel und Produkt, ist konkrete
Bestimmung, ist konkrete Verteilung. Die konkrete Aneignung, die konkrete Verfügungsgewalt
über das Eigentum und das damit produzierte Produkt lag im Sozialismus nicht
in den Händen der Eigentümer, also der Gesellschaft. Es gibt vielmehr eine
ausgeprägte Trennung zwischen Oben und Unten ... . "Die Produktion ist
nicht wirklich vergesellschaftet" sagen manche "Linke" leichthin.
Mit dieser Feststellung können wir uns aber nicht zufriedengeben. Wir müssen
die Seiten dieses Verhältnisses untersuchen, zumal nur dadurch die Entwicklung
dieses Verhältnisses verständlich werden kann. Die Entwicklung müßte
beschrieben werden, dazu ist hier aber kein Platz. Die historische Darstellung
muß der systematischen geopfert werden. Aber mit Hilfe der systematischen Darstellung
muß die Geschichte geschrieben werden können, während uns die Autoren
vorliegender Texte [der Kommunistischen Plattform der PDS] nur Beschreibungen
eines imaginären Zustands anbieten, der mit einer Art "Sündenfall"
begann.
Begriffe
wie "Dirigismus", "Kommandowirtschaft" oder
"Feudalsozialismus" sind uns inzwischen mehr oder weniger geläufig.
Aber aus was für einer gesellschaftlichen Wirklichkeit heraus sind diese
Begriffe gefunden worden, bevor sie von den Journalisten und Politikern des
kapitalistischen Staates übernommen wurden? Was verbirgt sich dahinter? Und
bilden diese Begriffe alle Seiten des Widerspruchs wirklich ab bzw. bilden sie
die wirklichen Seiten ab?
Auf
der einen Seite haben wir die Partei- und Staatsführung, die Führung, eine Führungskaste,
die die Verfügungsgewalt über Produktion und Produkt hat, die sich das Produkt
aneignet, indem es über es verfügt, die Ziele der Produktion und die
Verteilung des Produkts bestimmt. Auf der anderen Seite haben wir das Volk - ich
abstrahiere hier zunächst von besonderen Teilen des Volkes, den Arbeitern, den
Bauern, den Angestellten, der Intelligenz und deren spezifischen Verhältnissen
zur Führungskaste. Das Volk ist de jure Eigentümer der Produktionsmittel, es
hat jedoch keine Verfügungsgewalt über Produktion und Produkt. Freilich wird
"alles für das Wohl des Volkes" getan. Wie sollte das anders sein,
wenn dem Volk die Produktionsmittel gehören. Doch dem Volk kommt sein Produkt -
ihm doppelt eigen, auf seinen Produktionsmitteln produziert und von ihm
produziert - erst nach dem Aneignungsakt durch die Führungskaste zurück, es
empfängt es aus fremden Händen und ist ihm insofern entfremdet. Die Führungskaste
wiederum ist nicht Eigentümerin der Produktionsmittel. Sie ist deshalb auch
keine besondere Klasse. Doch die Verfügungsgewalt über das Produkt, das
wirkliche Handhaben des Volkseigentums erzeugt die Illusion von Besitz, von
Eigentum. Individuell kam es hin und wieder dazu, daß Angehörige der Führungskaste
dieser Illusion erlagen und sich bedient haben. Das ist sicher nicht nur moralisch
zu verurteilen, sondern wäre besser auch juristisch zu verurteilen gewesen. Für
unsere - zugegeben - hochabstrakte
Betrachtung der Verhältnisse, spielt dieses Verhalten keine Rolle. Wichtiger wäre
die gegenseitige Täuschung. Zum Oktober 1979, dem 30. Jahrestag der DDR, gab es
eine Rentenerhöhung. An einem Altersheim hinter dem Berliner Kino
"Kosmos" las ich damals ein gigantisches Transparent: 3
Millionen Rentner danken der Partei- und Staatsführung! Ganz entgegen
anderen Losungen, wie: Was des Volkes Hände schaffen, ist des Volkes eigen!, sprach das
Transparent im Falle der Rentenerhöhung naiv die Wahrheit aus.
Natürlich
gehört die Führungskaste zum Volk, natürlich ist das Volkseigentum auch
Eigentum der Angehörigen der Führungskaste. Aber diese Führungskaste ist nur
Eigentümerin an den Produktionsmitteln, insofern sie Teil des Volkes ist. Ihre
Besonderheit im Verhältnis zu den Produktionsmitteln ist damit nicht geklärt.
Sie unterscheidet sich vom Volk durch die Verfügungsgewalt, die nur sie ausübt
und insofern ist ihre Stellung zum Volk als Produktionsmitteleigentümer eine
bornierte. Dies ist ein wesentlicher Unterschied, also ein Gegensatz.
Wenn
wir also so etwas wie einen Grundwiderspruch im Sozialismus sehen, dann den
zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der bornierten Form
der Aneignung des Produkts.
Aber
das erklärt noch nicht die Dynamik der widersprüchlichen Entwicklung des
Sozialismus. Schon zuvor wurde festgestellt, daß das gesellschaftliche Produkt
zu den Produzenten zurückkehrte, allerdings erst nach der Aneignung durch die Führungskaste.
Damit entfremdete sich nicht nur das Volk seinem Produkt, sondern auch das
Produkt dem Volk. Weil das gesellschaftliche Produkt durch die Hände der Führung
ging, nahm es deren, also bornierte Interessen an. Es nahm den Geruch der Führungskaste
an und die Produzenten erkannten es nicht wieder und insofern nicht sich als
produzierende und besitzende Klasse, der Zusammenhang ihrer Tätigkeiten
erschien ihnen nicht im Produkt, sondern in ihrer Führung.
Aber
die Führungskaste war nicht besondere Eigentümerklasse, ihr gehörten Produktionsmittel
und Produkt nicht. Die Führungskaste konnte nie mit der Autorität einer
produktionsmittelbesitzenden Klasse, oder als politischer Funktionär einer
solchen besonderen Klasse auftreten. In der Verteilung des Produkts wurde der
Schein einer von den Produzenten bestimmten Verfügung erzeugt.
Die
Führung verfügte über Eigentum, das ihr nicht gehörte. Dem Volk gehörten
die Produktionsmittel, es konnte jedoch nicht über sie verfügen. Die Führungskaste
hatte Macht ohne Eigentum, das Volk hatte Eigentum ohne Macht.
Die
Eigentümer hatten selbstverständlich ein Interesse an effektiver Produktion.
Jeder Eigentümer hat das. Aber die Eigentümer im Sozialismus hatten keine
Macht, Effizienz durchzusetzen. Die Machthaber hatten diese Macht, aber kein
Interesse. Ihr Interesse an Effizienz war ein gebrochenes, weil borniertes
Interesse. Die wirtschaftliche Uneffektivität gefährdete das System, es gefährdete
dieses System. Deshalb ging es der Führungskaste um Produktivitätssteigerung,
Produktivkraftentwicklung - wie sie es nannte -, um Planüberbietung, aber nicht
um dieser Ziele selbst willen. Im Munde der Mächtigen verkehrte sich die
sachliche Feststellung, es könne nicht mehr verbraucht als produziert werden,
in eine Drohung und zugleich Entschuldigung für den Mangel. Die Methode der Mächtigen
zur Durchsetzung von Effizienz entsprach der widersprüchlichen Stellung zu
den Produzenten - der der eigentumslosen Machthaber. Weil sie Machthaber waren,
administrierten sie. Weil sie zugleich eigentumslos waren, verteilten sie
"sozial", sozusagen ein Zuckerbrot. So gesehen waren sie kleinbürgerliche
Vulgärsozialisten[1],
denen soziale Verteilung schon Sozialismus ist und die nach sozialistischer
Produktion, die auf dem Volkseigentum gründet, aber diese selbst noch nicht
ist, nicht fragen, weil sie mit den Produzenten nichts mehr gemein haben.
Das
Geschimpfe der Produzenten auf "die da Oben" entsprach ihrer Stellung
zu den Machthabern - die der ohnmächtigen Eigentümer. Da gab es schon Stolz
und ein gewisses Selbstbewußtsein, ein Auftreten gar, das Eigentümern zukommt.
Und doch endete das in Geschimpfe, in den eigenen vier Wänden, in Flucht ganz
verschiedener Art und nicht zuletzt in ein Hoffen auf ein besseres
"Oben". Aber auf "die da Oben" zu hoffen, hieß auf Gott
vertrauen. Die Bürokratie ist ein Kreis,
wie Marx in jungen Jahren zu Hegels Staatsrecht schrieb: Die Bürokratie ist ein Kreis, aus dem niemand herausspringen kann. Ihre
Hierarchie ist eine Hierarchie des Wissens. Die Spitze vertraut den untern
Kreisen die Einsicht ins Einzelne zu, wogegen die untern Kreise der Spitze die
Einsicht in das Allgemeine zutrauen, und so täuschen sie sich wechselseitig.[2]
Es
gab nur zwei Möglichkeiten, diesen besagten Grundwiderspruch zu lösen: die
Eigentümer an den Produktionsmitteln nehmen die Verfügung darüber in die
eigene Hand - das ist Demokratie im sozialistischen bzw. kommunistischen Sinne:
Volksherrschaft -, oder die Eigentumsverhältnisse werden der bornierten Form
der Aneignung angepaßt, das Volkseigentum wird reprivatisiert. Wenn "das
Volk" Besitz und Betrieb[3] der Produktionsmittel in
die eigenen Hände nimmt, ist das Revolution, weil es eine Revolutionierung der
Produktionsverhältnisse gewesen wäre. Einzig diese Umwälzung der Verhältnisse
hätte den Sozialismus erhalten, weil darin und damit die Möglichkeit einer
Assoziation emanzipierter Individuen wirklicher geworden wäre. Reformen, ob von
oben verfügt oder von unten erstritten, hätten diese Umwälzung vorbereiten
aber nie ersetzen können. Und soweit sie von unten erstritten worden wären,
ich meine wirklich von unten, nicht von einer Schicht zwischen Unten und Oben,
die aus welchen Gründen auch immer in Opposition zum Oben geriet, wäre dieses
Erstreiten schon Teil der Emanzipation gewesen. Jeder Reformversuch durch die Führungskaste,
egal wann und egal ob auf wirtschaftlichem, politischem oder kulturpolitischem
Gebiet, geriet notwendig in die Nähe dieses Grundwiderspruchs und seiner Lösungsmöglichkeiten.
Jeder dieser Reformversuche war der Form nach autoritär und dem Inhalt nach
borniert. Er schloß die Lösung "Volksherrschaft" logisch aus, nicht
aus Unfähigkeit, Senilität oder was sonst an menschelnden Begründungen
angeboten wird.
Vielleicht
rief besagter Grundwiderspruch wirtschaftliche und somit politische Krisen
zyklisch hervor. Ich verzichte, wie gesagt, auf die historische Darstellung. Die
Überwindung dieser Krisen, ob administrativ, reformerisch oder unter
Zuhilfenahme äußerer Faktoren, war immer nur Krisenüberwindung, nie Lösung
des Widerspruchs. Es ging dabei um den Erhalt dieses Systems, also um Erhalt
dieses Widerspruchs. Die Führungsschicht entmachtet sich nicht selbst und das
ist nicht in erster Linie eine Frage von "Machtegoismus". Wenn die Führungskaste
die Zügel aus der Hand gibt, wer nimmt sie? Wenn das Volk die Zügel in die Hände
nimmt, dann wiederum muß es, darf es nicht warten, bis es sie von der Führung
bekommt. Da kann es lange warten. In jedem Falle, ob halbherzige Reform oder
naiv-ehrlicher Aufruf zum gesellschaftlichen Umbau, die Führungskaste kann die
Aufhebung der bornierten Form der Macht nicht erreichen. Das kann nur von der
Seite erfolgen, die nicht borniert ist, vom Volk.
Noch
aus der Zeit vor etwa fünf Jahren in Erinnerung sind die Jagdhütten-Enthüllungen.
Da hatte sich also z.B. ein Angehöriger der Führungskaste aus dem Volkseigentum
bedient. Die ihm alltägliche Verfügungsgewalt über das Volkseigentum hat er
übertragen auf eine ganz individuelle Verfügung über ein vergleichsweise
luxuriöses Jagddomizil. Das ist moralisch verwerflich und hätte bestraft
werden müssen. Das steht für mich außer Frage. Aber der Grund für dieses
Tun, was seine individuelle Schuld keineswegs mindert - so wie keine Schuld
gemindert wird, nur weil sie erklärbar ist -, lag in dieser Illusion von
Eigentum, die sich durch die ausgeübte Verfügungsgewalt über das Eigentum
herstellen konnte.
Gleichermaßen
verwerflich handelte der Arbeiter, der ein wenig volkseigenes Baumaterial für
seine Datsche abzweigte. Er allerdings wurde nicht selten erwischt und bestraft
und sein Vergehen wurde offen benannt: Diebstahl zum Nachteil des
sozialistischen Eigentums. Manchmal entschuldigte sich der Dieb, indem er behauptete,
er sei auch Teil des Volkes und da habe er sich halt seinen Teil am
Volkseigentum genommen. Was also zunächst heißt, er hat - aus seiner Sicht,
und auf die kommt es an - er also hat auf andere Art keinen Anteil am
Volkseigentum. Zugleich zählt er offenbar zu den Anhängern der bis heute
verbreiteten Auffassung, wonach der Sozialismus nur eine Art gigantischer
Aktiengesellschaft sei. Aber das Volkseigentum ist unteilbar und noch der
kleinste Part der Produktionsmittel, des Grund und Bodens, des Produkts gehört
doch wieder allen. In der Auffassung von der Aktiengesellschaft haben wir den
Reflex der realen Vereinzelung. Der Arbeiter beklaut sich selbst, auch wenn er
blau macht, aber er weiß das nicht. In gewissem Sinne trotzig beruft sich der
Dieb auf das Volkseigentum und sein Volk-Sein, aber er spielt dabei die
Ideologie gegen die Wirklichkeit aus, mehr nicht. Kein Baumaterial wäre
verschwunden, keine Pause überschritten worden, keine Ausfallzeit mitunter fröhlich
hingenommen worden, wäre jener abstrakte "Arbeiter" verfügungsgewaltiger
Eigentümer gewesen. Der gesellschaftliche Zusammenhang seiner Tätigkeit war
ihm entzogen. Gerade wegen der Verfügungsgewalt konnte bei den Verfügungsgewaltigen
der Schein von Besitz entstehen, während wegen der Ohnmacht bei den Ohnmächtigen
der Schein von Besitzlosigkeit entstehen konnte. Auf dieser Ebene, aber nur auf
dieser Ebene unterschied sich die sozialistische Gesellschaft nicht von der
kapitalistischen. Hätte ein Gericht den Staatschef für die Jagdhütte und den
Arbeiter für den Zementklau bestraft, wäre die moralische Gerechtigkeit
hergestellt gewesen. Wenigstens in diesen zwei Fällen. Aber damit wäre der
Widerspruch nicht aufgehoben, der diesen Verhaltensweisen zugrunde lag. Ob
moralisch-individuell bestraft wird oder der Widerspruch aufgehoben wird, der zu
jenen Straftaten führte, macht den Unterschied zwischen moralischer (bzw.
moralisierender) und revolutionärer (bzw. wirklicher) Kritik. Deshalb ist dies
hier keine Schuldzuweisung, das moderne Opiat für die Ohnmächtigen.
Über
das Tun und Lassen der Führung muß hier nicht weiter spekuliert werden. Auf
das Tun und Lassen des Volkes kam und kommt es an. ...
Aus: Martin Wolfram. Über die Kompromittierung des Kommunismus durch die Kommunistische Plattform der PDS. (1994)