Der Bildungsverein ELBE-SAALE war auch in diesem Jahr Mitveranstalter der SommerAkademie zu Problemen nachhaltiger Gesundheitsförderung, die vom 9. bis 13. September 2002 an der Hochschule Magdeburg-Stendal stattfand. Er zeichnete dabei für die Werkstatt-Tagung zum Thema: „Geschlechtsspezifische kommunale Gesundheitsförderung“ verantwortlich.
Moderatorin Viola Schubert-Lehnhardt (ELBE-SAALE e.V.) verband die Begrüßung des erfreulich großen Teilnehmerkreises mit Bemerkungen zum Engagement ihres Vereins für die Belange von Frauengesundheit in der Stadt Halle/Saale. Gleichzeitig warb sie für die dort im Oktober geplanten Frauengesundheitstage, zu denen u.a. der bekannte Leipziger Sexualforscher Kurt Starke erwartet wird.
In ihrem Einführungsvortrag: „Gesundheit durch die ‘Gleichstellungsbrille’ betrachtet“ ging Brigitte Stepanek (Frauenbildungsnetzwerk Ostsee) vor allem auf schwedische Erfahrungen ein. Gleichstellung und Gender mainstreaming hätten, so die Referentin, sehr viel mit der Gesundheit bzw. kommunaler Gesundheitsförderung zu tun. Denn durch die Realisierung echter Gleichstellung würden viele Ursachen für Unwohlsein und Krankheit verschwinden. Die gestiegene Lebenserwartung sei zwar eine Tatsache, lasse aber nicht automatisch auf die Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung schließen. Wenn Schweden mit 8,8 Mio Einwohnern im Jahr 2001 z. B. 9,3 Mrd. € allein für Frühverrentung aufbringen musste, so sei das ein Alarmsignal. Neben demographischen hätten vor allem nichtdemographische Ursachen, die wesentlich mehr Frauen als Männer betreffen (höhere Arbeitsintensität, Mehrarbeit, Stress, Doppelbelastung, Arbeitslosigkeit), an Bedeutung erlangt. Schweden zeige, dass geschlechtsspezifische kommunale Gesundheitsförderung konsequente Gleichstellungspolitik voraussetzt. Das Land habe im Vergleich zu anderen europäischen Staaten große Fortschritte erzielt, die Bevölkerung sei für Gleichstellungsprobleme sensibilisiert. Bis zum Ziel - Frauen und Männer mit gleichen Rechten, Pflichten und Chancen in allen wesentlichen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens - bleibe jedoch noch viel zu tun. Auf die Durchsetzung von Gender mainstreaming als Strategie und Methode für ein neues Denken und Handeln, müsse man sich dabei besonders konzentrieren. Ausgehend von Studien (z.B. zum Zeitaufwand für Pflegebedürftige in der Stadt Malmö) veranschaulichte Stepanek immer noch vorhandene Unterschiede bei der Behandlung der Geschlechter. Notwendig sei das konsequente Dringen auf die Erstellung geschlechtsspezifischer Statistiken zum Gesundheitszustand, zu Krankheiten, Symptomen in Abhängigkeit von Faktoren wie Alter, soziale Situation und Lebensgewohnheiten. Insofern käme es auf dem Weg zur echten Gleichstellung sowohl auf die Frauen - als auch die Männerbrille an.
Mit „Gesundheitsberichterstattung - vom Datenfriedhof zum Politikinstrument“ war der erste Themenblock überschrieben. Georg Köhler (Uni Magdeburg) äußerte sich hier zunächst zur Gesundheitsberichterstattung als Vorraussetzung für gezielte geschlechtsspezifische Maßnahmen. Ausgehend von der Situation in Sachsen-Anhalt betonte er, daß für eine sinnvolle Gesundheitsförderung nicht nur biologische, sondern auch soziale Faktoren wichtig sind. Die Einbeziehung bestimmter psychologischer und soziologischer Indikatoren sei deshalb für eine qualifizierte Gesundheitsberichterstattung unabdingbar.
Zum Thema: Präventionspraxis und Präventionspotential von Frauen im mittleren Lebensalter wertete Lieselotte Hinze (Uni Magdeburg) empirisches Material aus. Sie
ging dabei besonders auf die Lebenslage, Risiken und Gesundheit von Frauen im Lebensalter zwischen 45 und 65 Jahren ein. Unter verschiedenen Gesichtspunkten analysierte sie deren gesundheitsfördernde Eigenaktivität. Ganz allgemein stünden regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und gesunde Ernährung im Vordergrund. Auffällig seien häufigere Arztkontakte zur Gesundheitskontrolle in dieser Altersgruppe, beispielsweise zur Blutdruckmessung oder Untersuchung der Brust. Hinze schlussfolgerte, dass Frauen über ein höheres Präventionspotential als Männer verfügen, insbesondere bei der Gesundheitskontrolle und auf den Feldern der Verhältnisprävention. Da Frauen im mittleren Lebensalter keine homogene Gruppe seien, müsse die daraus resultierende Verteilung der Präventionspotentiale künftig stärker berücksichtigt werden.
Thomas Altgeld (Landesvereinigung für Gesundheit, Niedersachsen e.V.) stellte die Frage: Wer braucht Männergesundheitsberichte? und versuchte Ansatzpunkte für die Gesundheitsförderung bei Männern zu finden. Für die meisten Männer sei Gesundheit nicht unbedingt ein Thema, dem sie nachlaufen oder für das sie sich besonders engagieren. Der medizinisch-industrielle Komplex (z.B. Pharmaindustrie, Urologenverbände) betrachte das männliche Geschlecht vor allem als Adressat kommerzieller Gesundheitskommunikation. Bemühungen zur Erstellung spezieller Männergesundheitsberichte ließen ebenfalls eine eher kommerzielle Motivation erkennen. Insofern komme einer komplexen und kontinuierlichen geschlechtssensiblen Gesundheitsberichterstattung, die eine geschlechtsspezifische Optimierung der Versorgung ermöglicht, große Bedeutung zu. Unterstützt wurde dieser Gedanke durch die Diskussion, in der auf große Defizite in der Gesundheitsberichterstattung der BRD hingewiesen wurde.
Der zweite thematische Block „Netzwerke - der Königsweg zu einer effektiven Gesundheitspolitik?“ gab Einblick in die Arbeit verschiedener Netzwerke. Dabei konzentrierten sich Referate und Diskussion auf die Frage nach den Gründen für eine erfolgreiche Vernetzung, insbesondere auf das Problem der Gewinnung von BündnispartnerInnen. So wies Birgit Werner (Netzwerk Frauen und Gesundheit Sachsen-Anhalt) auf die Wichtigkeit des Engagements Freiwilliger hin. Als Basisnetzwerk von Frauen für Frauen hätten die ca. 50 Mitstreiterinnen zwar schon viel erreicht. Eine stärkere Einbeziehung von Ärztinnen sei jedoch noch nicht gelungen. Claudia Igney (Rostock) stellte Strategien für Vernetzung und politische Lobbyarbeit am Beispiel des Landesinterventionsprojektes CORA vor. Für dieses interdisziplinäre Kooperationsbündnis gegen häusliche Gewalt konnten engagierte Menschen auf der Ebene verschiedener Institutionen (Gleichstellungsbeauftragte, Ämter, Polizei, Justiz , Frauenhäuser etc.) gewonnen und bereits Veränderungen (z.B. hinsichtlich der Wegweisungsmöglichkeit im Rahmen des Gewaltschutzes) erzielt werden. Ulrike Kowalewsky (Herford) sprach über Erfahrungen der Medusana Stiftung bei der Gesundheitsförderung im ländlichen Raum und an Schulen. Gabriele Kaczmarczyk, Ärztin an der Berliner Charité, berichtete über die Arbeit des Netzwerkes Frauengesundheit Berlin, das seit Dezember 2001 existiert. Insgesamt gehe es hier um die Förderung von Strukturen in gesundheitsrelevanten Bereichen, die sich an den Lebensbedingungen und Bedürfnissen von Frauen orientieren. Zu den Schwerpunkten der Tätigkeit des Netzwerkes gehörten gesundheitliche Folgen von Gewalt, die Qualitätsverbesserung von Brustkrebsvorsorge und -behandlung sowie Probleme aktueller Frauengesundheitspolitik. Walburga Freitag (Bad Salzuflen) beschrieb die Aufgaben der Koordinierungsstelle Frauen und Gesundheit NRW. Im Mittelpunkt stünden neben Fachberatung, Öffentlichkeitsarbeit, Integration der geschlechterdifferenzierten Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit in das reguläre Gesundheitssystem der Aufbau eines landesweiten Netzwerkes. Besondere Aufmerksamkeit werde in diesem Zusammenhang der Durchführung kommunaler Gesundheitskonferenzen geschenkt.
In der anschließenden Diskussion spielten das Problem der Brustgesundheit und die Möglichkeiten der Netzwerke eine große Rolle. Bei der Vorsorge - so die übereinstimmende Meinung - müsse man sich für qualifizierte Mammographien, für mehr Sicherheit und Kontrolle einsetzen, wozu Brustkrebszentren einen Beitrag leisten könnten. Verbesserungen in bezug auf die Nachsorge, einschließlich der psychologischen Betreuung, dürften nicht vernachlässigt werden. Auch prospektive Studien zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien erforderlich.
„Der notwendige Widerspruch zwischen Theorie und Praxis auf kommunaler Ebene“ war das Thema des dritten Tagungsschwerpunktes. Jasmin Chaghouri stellte das Gesunde Städteprojekt Halle/S., insbesondere die Arbeit des Initiativkreises „Frauen und Gesundheit“ vor. Anspruch und Wirklichkeit stimmten bei der Berücksichtigung von Frauenbelangen in der gesundheitlichen Betreuung und Versorgung noch nicht überein, so ihre Auffassung. Insofern gelte es Triebkräfte freizusetzen, die Politik und Ärtzeschaft erkennen lassen: Frauen brauchen eine andere Medizin. Mit Fragen der Münchener kommunalen Gesundheitspolitik setzte sich Juliane Beck auseinander. Sie schilderte deren Entwicklung, wertete den ersten anvisierten geschlechtsspezifischen Gesundheitsbericht ebenso als Erfolg wie die in diesem Jahr stattfindenden Check up -Tage im Gesundheitsamt in Zusammenarbeit mit Frauengesundheitsorganisationen und Amtsärzten. Ein schwieriges Feld bleibe nach ihrer Erfahrung die Kooperation mit staatlichen Krankenhäusern zum Thema Frauengesundheit. Inés Brock blickte auf eine zehnjährige Entwicklung des Familienzentrums IRIS -Regenbogen als „Wendekind“ der Stadt Halle/S. zurück. Nicht ohne Stolz sprach sie davon, daß inzwischen 18 000 Kontakte pro Jahr zu Buche stehen. Allein im Eltern-Kind-Bereich seien es 8 500. Das Angebot habe sich von Jahr zu Jahr erweitert und reiche derzeit von der natürlichen Geburt über Prävention bei Kindern und Jugendlichen bis zur Begleitung in den Wechseljahren. Optimal wäre aus ihrer Sicht die Einrichtung eines Frauengesundheitszentrums in Sachsen-Anhalt.
Frauengesundheitliche Parteilichkeit und geschlechtsspezifisches Herangehen an Fragen der Gesundheit dürften - so das Ergebnis der Diskussion - nicht mehr zu einem Spagat führen, sondern müßten wirkungsvoll in Einklang gebracht werden. Zu erreichen sei dieses Ziel jedoch nicht ohne die Initiative der Bürgerinnen und Bürger.
Dr. Ch. Gibas