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Am 1. Juni fand in
Helsinki ein Seminar zum Thema "Die Europäische Linke und die kritische BürgerInnenschaft"
statt. Das "Linke
Forum" und die "Vereinigung für Erwachsenenbildung“ hatten dazu
Gäste aus Finnland, aus Schweden und Deutschland eingeladen. Es war das erste
Seminar, das vom Linken Forum veranstaltet wurde. Während die Vereinigung für
Erwachsenenbildung bereits seit 40 Jahren existiert, ist das Linke Forum eine
Neugründung. Die Vereinigung ist Mitglied des Forums, daneben sind zwei weitere
Organisationen einbezogen. Ziel des Forums ist es, linke Werte und Konzepte
wieder verstärkt in die öffentliche Diskussion, in akademische und politische
Diskurse zu bringen.
Wie bereits erwähnt war das
Thema des ersten Seminars auf die Diskussion von Fragen zu Perspektiven der
Demokratie ausgerichtet. Die eingeladenen ReferntInnen sollten zu sieben
Problemgruppen Stellung beziehen:
- Was ist eine
"aktive" oder "kritische" BürgerInnenschaft
- Wie zeigen sich Macht- und
Kontrollmechanismen in Entscheidungsprozessen?
- Die Medien und die
Beschaffung von Informationen über politische Prozesse
- Wege und Möglichkeiten für
BürgerInnen zur Partizipation: Wahlen, bürgerschaftliches Engagement, Lobbying
- Partizipation und
Emanzipation
- Wirtschaftsdemokratie
- Warum sind Regierungen
daran interessiert, eine "aktive BürgerInnenschaft" zu befördern?
Die Diskussion wurde mit
einem Beitrag von
Eeva Luhtakalli (Universität Helsinki) eingeleitet. Sie untersuchte in
ihrem Beitrag die Herausforderungen an die Gestaltung von
Partizipationsprozessen unter dem Gesichtspunkt des Konzeptes der deliberativen
Demokratie. Als Ausgangspunkt wählte sie das alltägliche Problem des Misstrauens
zwischen BürgerInnen und PolitikerInnen. Dabei seien vor allem drei Mythen maßgeblich:
- dass Menschen an
Partizipation nicht interessiert seien
- dass die allermeisten
Probleme nur durch SpezialistInnen zu lösen seien, die Beteiligung von BürgerInnen
somit meist hinderlich sei
- dass Demokratie nur als
repräsentative Demokratie denkbar sei.
Selbst dort, wo eine starke
Tradition politischer Konsensbildung bestehe, wie etwa in Finnland, werde oft
unter Bemühung derartiger Mythen versucht, Partizipationsprozesse zu
diskreditieren oder auf relativ unwichtige Fragen zu orientieren.
Als Beispiele für
Erfahrungen mit Formen partizipativer Demokratie stellte die Referentin die
Hearings in Finnland und die Nachbarschaftsräte in Frankreich vor.
Abschließend formulierte
Eeva Luhtakallio einige Visionen bezüglich der Weiterentwicklung von Ansätzen
partizipativer Demokratie:
- die Verbreitung der
Institution der Bürgerjury, in der für bestimmte Entscheidungen 50% der
Mandate von VertreterInnen von NGO, 50% von Abgeordneten besetzt werden
- die Einführung eines
Rates der Vereine (board of associations).
- Veränderung in den
Parteien hinsichtlich der Durchsetzung der Quotierung nach Geschlecht, der
Abschaffung der Parteidisziplien, der Begrenzung der Zahl möglicher Mandate
bezogen auf die einzelne Person sowie die Einführung einer Quotierung nach dem
Alter.
In einem weiteren
Beitrag beschäftigte sich Lutz Brangsch (RLS) mit dem Thema „Transparenz
und Partizipation als Herausforderungen an die Linke“. Der Referent ging von
Veränderungen in der Realität aus, die die Einführung partizipativer Elemente
in das bürgerlich-demokratische System begünstigen bzw. erzwingen. Veränderungen
in der Arbeitswelt und wachsende Konfliktpotenziale quer durch alle Schichten
der Gesellschaft sind zwei der wichtigsten Ursachenkomplexe. Gleichzeitig bieten
das gestiegene Bildungsniveau aber auch die von BürgerInnen in sozialen
Auseinandersetzungen gesammelten Erfahrungen auch neue Möglichkeiten für die
Gestaltung von Partizipationsprozessen. Um diese neuen Möglichkeiten in
emanzipatorische Politik umsetzen zu können, müssen sich jedoch auch die
linken Parteien und Bewegungen verändern und demokratisieren.
Abschließend beleuchtete Stefan
Sjöberg (Zentrum für Marxistische Studien Stockholm) den Stellenwert von
Konzepten der Wirtschaftsdemokratie im Kontext grundsätzlicher Überlegungen
zu Demokratisierung der Gesellschaft. Er betonte, dass Wirtschaftsdemokratie
wieder beginnt, zu einem Thema zu werden. Dies betreffe alle Ebenen, sowohl die
Ebene der einzelnen Unternehmen, wie auch die makroökonomische Ebene. Als eine
wichtige Lösungsrichtung, die viele Nachteile des Genossenschaftswesens oder
der klassischen Mitbestimmung umgehen könnte, stellte Sjöberg das Modell der
wage-owner-funds zur Diskussion. Insgesamt gehe es darum, die Überlegungen zur
Wirtschaftsdemokratie enger mit denen zu vordergründig politischen
Partizipationsformen zu verbinden.
In diesem relativ kurzen
Seminar wurden so eine ganze Reihe von schwierigen Fragen aufgeworfen, die in
der nächsten Zeit weiter diskutiert werden sollten.