von Katrin Lompscher, Bezirksamt Lichtenberg von Berlin, Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung
Zunächst überrascht die Modernität und Vertikalität der Stadt. Sie wirkt äußerst vital und stark. Allein die räumliche Dimension ist beeindruckend. Die landschaftliche Situation ist einzigartig und könnte zu einem verklärten Blick auf die harten Kontraste verführen. Nicht zu übersehen und für europäische Erfahrungen erschreckend sind die Ausdehnung und der bauliche Zustand der Vorstädte und Favellas. Mir ist es nicht gelungen, dieses hautnahe Nebeneinander von Armut, Verfall und Kommerz zu relativieren und mich an den auch vorhandenen Schönheiten der Stadt zu erfreuen. Ich gebe auch zu, dass ich ein Gefuehl der Unsicherheit und Angst nicht überwinden konnte.
Vor allem im Zentrum und in den zentrumsnahen Stadtvierteln hat mich der Umgang mit dem baulichen Erbe sehr nachdenklich gestimmt. Zu spät ist offenbar erkannt worden, dass auch die Bauten der Kolonialzeit zur eigenen Geschichte und Identität gehören. Der scheinbar zügellose Verwertungsdruck hat eine zerklüftete Stadtlandschaft hervorgebracht, keine harmonische Einheit oder historisch gewachsene Urbanität. Der Zusammenhalt entsteht für mich erst wieder aus der Topographie, den großzügigen Parkanlagen und der Dynamik der Hochhausgruppen.
Trotz des geschwundenen Glamours ist Copacabana ein sehr eigenwilliger und in seiner geschlossenen und dichten baulichen Struktur sehr beeindruckender Stadtteil. Die Strandzone mit Ihrer Weitläufigkeit und einheitlichen Gestaltung bildet einen gelungenen Kontrast dazu.
Wirklich überraschend fand ich das gute Funktionieren des Autoverkehrs. Das großzügig ausgebaute Straßennetz und die für mich undurchschaubaren unzähligen Busangebote scheinen den verkehrlichen Anforderungen bis auf Weiteres gewachsen zu sein. Dabei ist aber nicht zu übersehen, dass die Umwelt bei dieser Verkehrsorganisation enorm belastet wird. Die Umkehrung des traditionellen Idealbildes vom Wohnen - die Reichen im Hochhaus und die Armen im eigenen Haus - wenn auch auf niedrigem Standard - war für meinen europäischen Blick ebenfalls eine Überraschung.
Ein bisschen lax zusammengefasst: von oben, von weitem und vom Strand aus ist Rio tatsächlich eine traumhafte Stadt. Mittendrin ist man mit der harten Wirklichkeit konfrontiert, staunt über das Funktionieren dieses Molochs und bewundert die Lebensfreude und den Überlebenswillen der Bewohner.
Das Seminar
Der Einführungsvortrag über Rosa Luxemburg, in dem das Spannungsverhältnis zwischen Utopie und Alltag, zwischen strategischen Zielen und aktuellen Anforderungen aufgezeigt worden ist, hat mich über mein eigenes Handeln nachdenken lassen. Zu schnell und zu leicht lässt man sich von den täglichen Aufgaben einnehmen und verliert politische Ziele aus dem Blick.
Ein stärkerer Druck der politischen Partner und der Öffentlichkeit könnte nicht schaden. Aber den eigenen Anspruch nicht zu vergessen, bin ich nachhaltig erinnert worden. Bei den Beiträgen waren die sozialen Labors aus Brasilien und das Partizipationsmodell aus Uruguay für mich am interessantesten. Zum Einen fand ich die Kooperation zwischen Hochschulen und Nichtregierungsorganisationen beispielhaft sowie das Engagement der Mitwirkenden bei der Analyse der realen sozialen Lage. Zum anderen unternimmt Montevideo mit seiner eher europäischen Dimension offenbar einen sehr interessanten Versuch der unmittelbaren Mitwirkung der Buerger an der lokalen Politik.
Die Erwartungen an eine partizipative Haushaltspolitik sind m.E. stark zu relativieren angesichts des geringen Budgets, das tatsächlich zur Debatte steht. Und angesichts der Tatsache, dass die grundlegenden Existenzprobleme auf lokaler Ebene kaum beherrschbar sind. Dennoch sind das Artikulieren eigener Interessen und die Erfahrung tatsächlicher Einbeziehung wichtige Voraussetzungen für die Stärkung demokratischer Strukturen und gesellschaftliche Veränderungen.
Während in Europa das demokratische System weitgehend anerkannt ist und einer Auffrischung bedarf, damit die Menschen die vorhandenen Mitwirkungsmöglichkeiten auch nutzen, scheint mir in Lateinamerika der Aufbau und die Stabilisierung eines vertrauenswürdigen politischen Systems im Vordergrund zu stehen.
Die offene Instrumentalisierung der demokratischen Institutionen für Minderheitsinteressen kann durch die Stärkung von Basisaktivitäten eingedämmt werden. Um die Motivation und Handlungsweise der ausländische Partner besser zu verstehen und mit den eigenen Vorstellungen ins Verhältnis zu setzen, muss man mehr über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen wissen. Eine thematische Eingrenzung scheint mir dabei nützlich zu sein, um die jeweilige Komplexität besser erkennen zu können. Eine Ausweitung auf weitere Akteure (Politiker, Gewerkschafter, Kirchenvertreter, Verwaltungsmitarbeiter) könnte ebenfalls helfen.
Generell ist der Blick über den eigenen Tellerrand außerordentlich sinnvoll, weil er dazu zwingt, das eigene Handeln verstaendlich zu machen und zu überdenken. Deshalb weiterhin viel Erfolg bei der Fortsetzung des internationalen und interdisziplinaeren Austauschs.