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Neue Rahmenbedingungen und Tendenzen für den Einsatz von Beteiligungsverfahren (vgl. Kap. 3 und 4.1) erfordern neue Methoden in der Umsetzung. Kurz gesagt: Kontext und Methode müssen zusammenpassen. Gleichzeitig gibt das neue methodische Repertoire Anstöße für ein verändertes Verständnis von Beteiligung – Entwicklungen also, die sich wechselseitig beeinflussen.
In diesem Kapitel geht es um die gemeinsamen neuen Herangehensweisen und um die konzeptionellen Hintergründe der Methoden, die im vorhergehenden Abschnitt 4.2. beschrieben wurden und die im Bereich der nicht formalisierten Beteiligung und in Prozessen bürgerschaftlichen Engagements ihre Anwendung finden. Diese konzeptionellen Hintergründe lassen Rückschlüsse auf die Kontexte zu, in denen diese Methoden eingesetzt werden können.
In mehreren Methoden wird die Aufmerksamkeit und Wertschätzung für positive Erfahrungen zum Ausgangspunkt des Beteiligungsprozesses gemacht: in der Weiterentwicklung der Zukunftswerkstatt, in der Zukunftskonferenz und in der wertschätzenden Erkundung (AI). Positive Seiten des Gemeinwesens werden erfragt und ins Zentrum gerückt, um eine gemeinsame und motivierende Grundlage für den Beteiligungs- und Umsetzungsprozess zu schaffen. Dies bietet die Chance, eine tragfähige Basis auch für das Austragen von Konflikten oder das Schließen von Kompromissen zu finden. Außerdem wird einer konfrontativen Gegenüberstellung von Bürgern und Kommune oder von bestimmten Bürger- bzw. Interessengruppen vorgebeugt.
Ein zentrales konzeptionelles Prinzip der neueren Methoden besteht darin, „das ganze System unter ein Dach“ zu holen. Es wird darauf geachtet, dass Teilnehmer aus jedem für das Thema relevanten Bereich vertreten sind, was insbesondere bei unterschiedlichen Hierarchie- oder Machtebenen wichtig ist. Je nach Größe des Gemeinwesens bzw. seines Umfeldes müssen jedoch nicht alle Betroffenen selbst anwesend sein, sondern können auch vertreten werden.
Die besondere Bedeutung liegt dabei in der direkten Auseinandersetzung („face-to-face“) unterschiedlicher und konträrer Positionen. Das Ereignis des Zusammentreffens, die direkte Auseinandersetzung und das Knüpfen von Kontakten ermöglichen oft weit reichende Veränderungsimpulse. Viele der neueren Methoden werden, aufgrund der großen Zahl der einbezogenen Teilnehmer, als `Großgruppenverfahren´ bezeichnet.
Fast alle Methoden sehen eine Phase vor, in der eine Brücke vom Dialog zur Umsetzung geschlagen wird: die Zukunftswerkstatt (bereits in ihrer ursprünglichen Form), die Zukunftskonferenz, die Open-Space-Konferenz und die wertschätzende Erkundung (AI). Auch in der Perspektivenwerkstatt gibt es eine starke Verknüpfung von Dialog und Umsetzung. Unter der Voraussetzung, dass vorab die Umsetzungsmöglichkeit von (Teil-)ergebnissen des Beteiligungsverfahrens mit dem Veranstalter grundlegend geklärt werden konnte, bieten solche Verknüpfungen eine gute Basis für weitergehende Realisierungsaktivitäten sowohl der Beteiligten wie der Beteiligenden.
`Aktivierung´ und `Empowerment´ sind zentrale Ziele, die mit den neueren Methoden verfolgt werden (s. Kap. 4.1.4). Zwar gibt es zwischen den Methoden unterschiedliche Schwerpunktsetzungen, wie offensiv die Bevölkerung aktiviert werden soll, insgesamt ist jedoch eine Entwicklung zu mehr und weitreichenderer Aktivierung zu beobachten. Bei der Zukunftswerkstatt liegt der Fokus auf Aktivierung der Teilnehmenden innerhalb der jeweiligen Veranstaltung. Jüngere Methoden zielen stärker auf eine Aktivierung, die über die Durchführung des Verfahrens hinausreicht, und bieten hierfür unterstützende methodische Schritte an. Wiederum andere Methoden befassen sich schwerpunktmäßig mit den ersten Schritten einer Aktivierung (s. 4.2)
Ein Kernphänomen, das von einem Großteil der neueren Methoden unterstützt wird, ist die so genannte Selbstorganisation. Es wird davon ausgegangen, dass nachhaltigere Entwicklungen dann stattfinden, wenn die Betroffenen sich untereinander und direkt austauschen, selbst aktiv werden und sich in die Umsetzung soweit wie möglich einbringen.
Verbunden ist damit ein neues Selbstverständnis von Verfahrensbegleitung, deren Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten nunmehr hauptsächlich auf der Schaffung von Rahmenbedingungen zur Selbstorganisation liegen. In den Verfahren selbst wird darauf gesetzt, dass die Teilnehmenden um so aktiver (und um so mehr selbstorganisiert) sind, je weniger ein `Moderator´ bzw. `Begleiter´ eingreift. Dabei bestehen zwischen den Methoden Abstufungen. Einige Methoden interpretieren die Rolle des `Moderators´ oder `Begleiters´ aktiver und fordern ihn auf zu lenken und zu intervenieren, in anderen Methoden soll er sehr zurückhaltend aus dem Hintergrund agieren.
Allen neueren Methoden ist gemein, dass sie stark prozessorientiert sind. Anders als bei klassisch-administrativen Verfahren wird der Prozess als mindestens genauso wichtig betrachtet wie das Ergebnis. Oft liegen die größeren Qualitäten und nachhaltigen Wirkungen in den langfristigen Veränderungen, die sich bei den einzelnen Teilnehmenden oder in den gesellschaftlichen Strukturen ergeben. Viele Verfahren beziehen sich konzeptionell auf Fragen, wie Menschen miteinander kommunizieren und wie Menschen individuell oder gemeinschaftlich lernen und ihre Haltungen verändern.
Wie in Kap 4.2 beschrieben, ist in der Konzeption der neueren Methoden oft das Ziel verankert, kooperativ und integrativ zu arbeiten, gemeinschaftlich und gleichberechtigt (kooperativ) sowie alle Interessen berücksichtigend (integrativ) Lösungen zu finden. Weiterhin wollen die neueren Methoden auch dadurch integrativ wirken, indem sie Unterschiede in sozialer Herkunft, Alter, Geschlecht, Bildung, Kultur oder Status – soweit es geht – überbrücken. Wie mehrere Experten in unseren Interviews bestätigten, besteht in der Praxis jedoch nach wie vor häufig eine große Schwierigkeit, soziale Randgruppen in Beteiligungsprozesse einzubeziehen.
Wie in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen sind auch bei der Beschäftigung mit Beteiligungsverfahren zahlreiche Phänomene der Globalisierung zu beobachten: Zum einen stammt die Mehrzahl der neueren Methoden aus dem angelsächsischen Raum. Zum anderen bilden sich zu einzelnen Verfahren immer mehr weltweite Netzwerke. So gibt es unter Praktikern von z. B. Open Space, Future Search oder Appreciative Inquiry weltweite Erfahrungsaustausche über Email-Listen, Internet-Foren und jährliche Treffen (vgl. www.openspaceworld.org). Das Angebot von `open space online´ ermöglicht über das Internet weltweite partizipative und selbstorganisierte Kommunikation in Echtzeit.