In
den Diskussionen um die Zukunft der Gesellschaft nimmt offen oder weniger offen
der Stellenwert und das Gewicht der Sozialen Sicherheit bzw. der Sozialen
Absicherung einen wachsenden Stellenwert ein. Die Beziehung von sozialer
Sicherheit und sozialem (individuellem und kollektivem) Verhalten wird offen als
Triebkraft erkannt und thematisiert Dies wird besonders deutlich im Bericht der
Zukunftskommission der Länder Bayern und Sachsen, der zumindest für den
deutschen Sprachraum erstmals den Versuch unternimmt, neoliberale
Gesellschaftsvorstellungen unter dem Gesichtspunkt „Zukunft der Arbeit“ in
einen ganzheitlichen Rahmen zu stellen. Der Haltung zu den bestehenden sozialen
Sicherungssystemen, ihre Bewertung und die Bewertung ihrer Perspektiven spielen
hier eine zentrale Rolle.
In
der gesellschaftlichen Diskussion sind i.d.R. zwei Extrempositionen zu
beobachten. Die eine Position besagt, dass die sozialen Sicherungssysteme doch
vor allem integrativen, tendenziell korrumpierenden Charakter trügen und (so
oft die Konsequenz) somit ohnehin ersetzbar oder eigentlich wenigsten
uninteressant seien. Dies wird häufig mit dem Hinweis verbunden, dass die
Entwicklung des bundesdeutschen Systems sozialer Sicherung ohne die Existenz der
DDR ohnehin nie auf diesem Niveau erfolgt wäre.
Die
andere Position weist diesen Systemen eine quasi übergesellschaftliche Funktion
zu und betrachtet sie ausschließlich unter funktionalem Aspekt.
Beiden
Herangehendweisen ist eine sehr begrenzte Sicht auf die Funktionsweise sozialer
Sicherung gemein. Beide Extrem-Positionen führen in der Konsequenz meist zu
einer Sicht auf soziale Sicherung und soziale Sicherheit, die diese als bloße
Folge wirtschaftlicher Prozesse begreift. Soziale Sicherung, soziale Sicherheit
und die sozialen Sicherungssysteme werden als passiv verstanden.
Interessenkonstellationen auf diesen Gebieten, die der Ausformung sozialer
Sicherungssysteme zugrund liegen werden in diesen Konstrukten oberflächlich
oder gar nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie ihre Bedeutung für die
gesellschaftliche Produktivitätsentwicklung, für die gesellschaftliche
Arbeitsteilung oder ihr historischer, werdender Charakter. Kurz gesagt –
soziale Sicherheit und die sie konstituierenden Systeme werden bisher kaum als
ganzheitliche Erscheinungen betrachtet. Dies ist aber umso notwendiger, als dass
mit dem Untergang der sozialistischen Staaten gerade das Verständnis des
historischen Werdens der sich um das Soziale gruppierenden Fragestellungen für
die Beantwortung nach Zukunftsoptionen eine außerordentliche Bedeutung hat.
Die Frage, wo die Ansatzpunkte für weitere Entwicklung der menschlichen Gesellschaft überhaupt liegen, müssen ausgehend von den Tendenzen der existierenden Gesellschaft her beschrieben und entwickelt werden. Der Rückgriff auf Erfahrungen, die in den sozialistischen Staaten gesammelt worden sind, wird mitunter hilfreich sein, kann aber letztendlich keine Antworten auf die heute und morgen stehenden Fragen geben. Soweit zum Verständnis (und zur Bewertung) gesellschaftlicher Prozesse nicht nur die Konstatierung eines bestimmten Zustandes, sondern genauso dessen Werden, die Bedingungen dieses Werdens und seines schließlichen Vergehens erfasst werden müssen, ist die Frage nach dem Zivilisationsgewinn im Kapitalismus und im besonderen die Betrachtung des Zusammenhanges zwischen sozialer Sicherung und Zivilisationsgewinn nicht nur legitim, sondern auch unbedingt erforderlich.
Auf
linker Seite ist die Diskussion zum Zivilisationsgewinn im Kapitalismus ein
Ausdruck dieser Problematik. Sie wird meist als abstrakte und letztlich
unhistorische Debatte geführt, in nicht wenigen Beiträgen verbundenen mit
sachfremden persönlichen Unterstellungen bis hin zu Diffamierungen.
Die
Verbindung eines wichtigen Elementes der Systemgestaltung des Kapitalismus mit
dem Begriff des Zivilisationsgewinns kann dabei nur auf den ersten Blick
verwundern. Es geht hier nicht um eine moralisierende Wertung des Kapitalismus
sondern um die nüchterne Konstatierung des Faktes, dass die Entwicklung
sozialer Sicherheit über so oder so gesellschaftlich organisierte
Sicherungssysteme eine Entwicklungsnotwendigkeit dieser Gesellschaft ist. Sie
entfaltet selbstverständlich widersprüchliche Wirkungen – die entstehenden
Sicherungssysteme integrieren in die Gesellschaft, institutionalisieren und
vermitteln Werte, geben aber gleichzeitig auch den verschiedenen
gesellschaftlichen Akteuren, Gruppen, Klassen neue Entfaltungsmöglichkeiten.
Die Entwicklung sozialer Sicherungssysteme ist in diesem Sinne ein Prozess ihrer
Vergesellschaftung. Historisch gesehen ist diese Vergesellschaftung der sozialen
Sicherung eine untrennbare Kehrseite und schließlich Bedingung der
Vergesellschaftung der Produktion. Die Produktion und der neue Typ des
Produzenten erzwingen einen neuen Typ sozialer Sicherung und damit einen neuen
Typ sozialer Sicherheit. Die gebotenen Entfaltungsmöglichkeiten verwandeln sich
mit der Zeit in Bedingungen für gesellschaftliche Entwicklung; auch wenn dies
nicht die Intention maßgeblicher Konstrukteure der Sicherungssysteme war bzw.
ist. In diesem Sinne kommt der Sozialpolitik und dem durch sie
konstituierten Typ und Maß sozialer Sicherheit keine sekundäre Rolle gegenüber der Produktion
(Wirtschaft/Wirtschaftspolitik/Finanzpolitik) zu. Sozialpolitik hat zwar ihre
Basis in individueller und gesellschaftlicher Konsumtion sowie in der
Distribution, erschöpft sich aber nicht darin. Offensichtliche Beispiele dafür
sind die Anforderungen, die von der Durchsetzung einer gesundheitssichernden
Gesamtpolitik oder einer flächendeckenden wohnortnahen Sozialarbeit an die
Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen ausgehen.
Es
soll hier die These vertreten werden, dass in dem Maße, in dem „Wissenschaft
zu unmittelbarer Produktivkraft“ wird, das Gewicht von sozialer Sicherheit als
aktive gesellschafts- und zukunftsgestaltende Aufgabe wächst.
Der
mit der kapitalistischen Entwicklung verbundene Zerfall der tradierten
Sicherungswege, insbesondere der Großfamilien mit umfangreicher Fähigkeit zur
Eigenreproduktion, prägt diesen Übergang und ist auch in ihrer historischen
Differenziertheit eine wesentliche Ursache für die Differenzierung dieser
Systeme in den verschiedenen Ländern. Die unterschiedliche Ausprägung sozialer
Sicherung in den USA und in Westeuropa hat in diesen verschiedenen
Reproduktionsbedingungen eine wesentliche Ursache.
Worin
besteht der Kern dessen, was mit Zivilisationsgewinn beschrieben werden kann?
Zivilisationsgewinn bedeutet insgesamt in diesem Zusammenhang vor allem die
Entwicklung der Fähigkeit zu kooperativer Arbeit von bestimmter Qualität. Wie
der Kapitalismus seine weltgeschichtlich zivilisatorische Rolle dadurch ausfüllt,
dass er einen spezifischen Typ von Arbeitsethos hervorbringt, persönliche Abhängigkeiten
durch Marktbeziehungen formaler Gleichheit ersetzt, die Arbeitsteilung (bzw. die
Fähigkeit zur Realisierung arbeitsteiliger Prozesse) entwickelt und die beständige
Veränderung der Gesellschaft als deren Existenzbedingung setzt, füllt er diese
Rolle im Bereich der sozialen Sicherung durch ihre Kodifizierung in den
entsprechenden Systemen aus. Diese Systeme fixieren gleichzeitig ein politisches
Kräfteverhältnis und die Art und Weise seiner Entfaltung. In beiden Feldern
erhalten das Wechselspiel, die gegenseitige Bedingtheit, von
Gesellschaftlichkeit im Handeln auf der einen und Individualitätsanspruch auf
der anderen Seite einen im Vergleich zu allen vorhergehenden
Klassengesellschaften überragenden Stellenwert. Soziale Sicherheit ist unter
diesem Gesichtspunkt ein Gegengewicht zur Konkurrenz. Die Frage des
gesellschaftlichen Zusammenhaltes stellt sich in neuer Dimension und wird in
neuer Art und Weise beantwortet – hier liegt ein entscheidender
Zivilisationsgewinn, der über die gesamte Entwicklung der kapitalistischen
Gesellschaft der entscheidende Gegenstand gesellschaftlicher
Auseinandersetzungen auf den verschiedensten Ebenen und in den verschiedensten
Kräftekonstellationen ist und bleibt.
Natürlich
ist dieses Moment der gesellschaftlichen Entwicklung nicht isoliert von gegenläufigen
Tendenzen zu sehen, zu verstehen und einzuordnen. Das ist bekannt und weitgehend
unstrittig, lässt aber die erstgenannte Tendenz nicht „verschwinden“, macht
sie nicht bedeutungs- oder gegenstandslos.
Gerade
die Diskussionen um offene oder verdeckte Formen der Auflösung der
solidarischen Sicherungssysteme und der Privatisierung der sozialen Absicherung
fordern zu einer solchen Betrachtung heraus.
Das Verständnis der Entwicklung sozialer Sicherung und sozialer Sicherheit als ein notwendiges Moment der Entwicklung des Kapitalismus – und damit auch das Verständnis dieses Wertes als Zivilisationsgewinn sind nicht Selbstzweck. Wenn sich soziale Sicherheit als wesentliche Quelle für die Bewahrung des sozialen Zusammenhaltes der Gesellschaft bewährt hat, hat sie, wie bereits erwähnt, zwei Ausgangspunkte: die Notwendigkeit stabiler Reproduktionsbedingungen der Ware Arbeitskraft auf der einen und das politische Gewicht der Arbeit als Gegenpol des Kapitals auf der andern Seite. Was geschieht, wenn sich auf beiden Seiten dramatische Veränderungen vollziehen? Und derartige dramatische Veränderungen haben sich in der Tat vollzogen. Der Gedanke, dass soziale Sicherheit, wie sie bisher durch die traditionellen sozialen Sicherungssysteme vermittelt wurde, hinderlich sei, scheint zunehmend an Gewicht zu gewinnen, und dies nicht nur unter den Herrschenden. Akzeptiert man diese These, so bleiben immer noch mindestens zwei Möglichkeiten des Umgangs mit ihr – entweder man untersucht die Frage, inwieweit eine Reform der sozialen Sicherungssysteme durchführbar ist oder man stellt dieses Systeme im Grundsatz in Frage und sucht von vorn herein nach anderen Wegen der Bewahrung des sozialen Zusammenhaltes.
Das Problem der Bewahrung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes wird dabei vor allem durch die Zukunftskommission Bayern/Sachsen mit großer Konsequenz in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt. Die hier getroffenen Aussagen gehen in jeder Hinsicht über die Positionierungen der ehemaligen Bundesregierung wie auch der Unionsparteien hinaus - sowohl, was ihren gesellschaftskonzeptionellen und intellektuellen Gehalt, als auch was die Brutalität der Vorschläge zur praktischen Umsetzung betrifft. Dieser Bericht hat nicht zuletzt damit eine neue Runde im Kampf um das Denken der Menschen eingeleitet; dessen sind sich die AutorInnen bewusst: die Forderung nach einem BEWUSSTSEINSWANDEL nimmt eine zentrale Stellung in dem mit dem Bericht umschriebenen politischen Konzept ein. Insoweit zeichnet sich dieser Bericht durch eine, aus der Sicht der Interessenlage der Auftraggeber bemerkenswerte Geschlossenheit aus. Die Resultate ungehemmten weltmarktkonkurrenzbestimmten Wirtschaftens werden bis in die logischen gesellschaftspolitischen und Konsequenzen geführt.
Kern
der Darlegungen ist, dass die Triebkraftwirkung von Konkurrenz nur dann zur
vollen Entfaltung kommt, wenn die Konkurrenz schrankenlos ist, d.h. ihre volle
soziale Wirksamkeit entfalten kann. Nur unter diesen Bedingung könne, so könnte
man die Auffassungen der AutorInnen zusammenfassen, das Lebensniveau der
„Leistungsträger“ und damit die Gesellschaft selbst erhalten werden. Gerade
diese scheinbar zwingende innere Logik dürfte, trotz aller berechtigt
vernichtenden Kritiken aus anderen politischen Lagern, dem Bericht eine
langfristige Wirkung verschaffen.
Sozialpolitik
findet hier in zweierlei Hinsicht statt. Zum einen soll sie „Anreize“ zur
Arbeit schaffen. Niveau und Bedingungen der sozialen Sicherung sollen dazu
zwingen, dass jede/r unter (fast) allen Umständen seine/ihre Arbeitskraft und
finanziellen Ressourcen dem Markt zur Verfügung stellen muss. Es soll eine
Situation entstehen, in der für die abhängig Beschäftigten der Erfolg auf dem
Markt (sowohl der eigene wie auch der des Unternehmens) zum alleinigen
Bestimmungsfaktor der Lebensverhältnisse wird. Durch eine wie auch immer
geartete Basisversorgung auf niedrigstem Niveau soll parallel eine
gesellschaftspolitische Manövriermasse am Leben erhalten werden, die den
„Leistungsträgern“ immer die eigene Perspektive im Falle des Versagens vor
Augen hält, gleichzeitig aber hinreichend qualifiziert ist, um ein Reservoir an
Ersatz für verschlissene „Leistungsträger“ bietet. Soziale Stabilität
soll in Ergänzung dieser Absenkung des Niveaus sozialer Leistungen durch „Bürgerarbeit“,
moralisch motivierte Wohltätigkeit, stabilisiert werden. Eine Ergänzung, die
keinesfalls eine tatsächliche Kompensation des Ausfalls von Rechtsansprüchen
ist.
Letztendlich
setzt das Konzept im Wesentlichen auf zwei
Elemente, die gesellschaftliche Stabilität vermitteln sollen:
a) auf die Schaffung der MÖGLICHKEIT DER VERNICHTUNG DER
SOZIALEN EXISTENZ als realer Lebensperspektive, also auf ANGST und
b)
auf moralisch motivierte Wohltätigkeit, die gleichzeitig moralischen
Druck zur Konformität vermittelt.
Damit
aber setzen derartige Konzepte eine tödliche Spirale von Gewalt und Gegengewalt
in Gang. Die so zweifach gesetzte Ausgrenzung von Menschen - als „Minderleister“
und „Versager“ auf dem Markt auf der einen sowie als „Gegenstand“ der
Wohltätigkeit der „Leistungsträger“ auf der anderen Seite, dürfte soziale
Konflikte zwar deckeln - lösen wird sie sie nicht. Im Gegenteil - es dürfte
ein enormer sozialer Sprengstoff mit enormer Brisanz entstehen. Das wiederum dürfte
die Tendenz zu politischer Repression erhöhen. Solidarität erscheint in diesem
Kontext immer letztendlich doch als Last, als Praxis des Almosen-Gebens, die
bestenfalls noch gegen niedrigere Kriminalität und eine geringere Zahl von
Streiktagen aufrechenbar und so wirtschaftlich optimierbar erscheint.
Der amerikanische Ökonom John Kenneth Galbraith, einer der bedeutendsten Kritiker einäugig neoliberaler Gesellschaftspolitik, charakterisiert den sozialen Hintergrund dieser Ideologierichtung mit Blick auf die Verschärfung des Gegensatzes Arm-Reich völlig zutreffend wie folgt: „Ehe sie die Kosten übernehmen, ist es für die Gutsituierten viel einfacher, Mängel im Charakter derjenigen zu finden, die zur unteren Klasse gehören, und zunehmend auch Mängel in den Einwanderungsgesetzen und ihrer Anwendung. Und eine soziale Tugend zu entdecken in einem scheinbar prinzipiellen Widerstand gegen die Steuern und den sich einmischenden Staat. Und, wenn Ärger droht, nach mehr Polizei zu rufen und schärferen Gerichtsurteilen oder in die Vororte umzuziehen.
Es
liegt in der Natur der Wohlhabendengemeinde, eine auf den eigenen Schutz
fixierte, kurzfristige Sicht der eigenen Position an den Tag zu legen. Es muss
wiederholt werden, dass es keine wesentliche Maßnahme gibt, um Armut zu
vermindern oder das Leben der Armen zu verbessern und die friedenstiftende
soziale Mobilität der Unterschichten zu gewährleisten, die nicht staatliche
Aktionen erfordert, obwohl es so wortgewaltige, wie scheinbar kluge Argumente für
das Gegenteil gibt. Der Zweck des letzteren besteht nicht darin, Lösungen zu
finden, sondern die Reichen vor einem schlechten Gewissen und Kosten zu
bewahren.“[1]
Die
Beck’schen Vorstellungen zur Bürgerarbeit oder kommunitaristische Konzepte
sind bereits ein Reflex dieser Umbewertung von Solidarität. Die
Verteilungspolitik konzentriert sich so direkt nicht mehr nur und nicht einmal
mehr vorrangig auf die Umverteilung von Geld, sondern vor allem von
Lebenschancen und damit von - Macht.
Die
zivilisatorische Rolle ist dabei nicht allein mit dem Blick auf das Verhältnis
von Kapital und Arbeit erschöpft – sie erstreckt sich auch auf die Verhältnisse
zwischen den Lohnabhängigen, zwischen verschiedenen Fraktionen des Kapitals und
verschiedenen anderen sozialen Schichten. Soziale Sicherheit zivilisiert nicht
nur das Verhältnis von Kapital und Arbeit, sondern in gleichem Maße, und das
ist vielleicht noch wichtiger, das Verhältnis der verschiedenen Fraktionen der
Lohnabhängigen. Zivilisierung bedeutet hier Regulierung der Konkurrenz unter
den Lohnabhängigen um Arbeitsplätze und Vermittlung von Möglichkeiten der
Entwicklung einer eigenen Kultur und von Solidarität. Man lese unter diesem
Gesichtspunkt die Darstellung der Auseinandersetzung um das englische
Fabrikgesetz und um den Acht-Stunden-Tag bei Marx. Das Bild, das Marx hier vom
englischen Proletariat zeichnet, ist keinesfalls heroisierend; gleiches gilt für
seine Darstellungen zur Wirkung der Einbeziehung von Kindern und Frauen in die
kapitalistische Produktion. Die neoliberalen Gesellschaftsmodelle legen in ihren
Konsequenzen Bilder nahe, die diesen Verhältnissen nur der Form, nicht dem
Wesen nach sehr ähnlich sind. Die Debatten um den Niedriglohnsektor, um Bürgerarbeit,
um Absenkung der „Erwerbsneigung“ von Frauen, um Lohnverzicht usw. sind nur
schein-zivilisierte Formen des 20.Jahrhunderts, in denen Konkurrenz der Lohnabhängigen
angepeitscht wird.
Die
Auflösung der in den tradierten Sicherungssystemen vergesellschafteten Formen
sozialer Sicherheit und ihre Ersetzung durch marktorientierte individueller oder
gruppenzentrierter Formen sozialer Sicherung bedeutet eben im Kern die Rücknahme
eines dem Kapitalismus innewohnenden Zivilisationsgewinns.
Dieser
Verlust brutalisiert die Gesellschaft aber nicht nur schlechthin, sondern
beraubt auch verschiedene soziale Gruppen der Fähigkeit zur Artikulation ihrer
Interessen und damit ihrer politischen Handlungsfähigkeit. Der Rückfall in
eine Kastengesellschaft wird damit mehr und mehr zu einer möglichen
gesellschaftspolitischen Option. Dies bedeutet aber die Neuordnung von
Gesellschaftspolitik überhaupt.
Davon
wiederum sind nicht nur die derart Marginalisierten betroffen. An ein solches
Gesellschaftskonzept knüpft sich eine ganze Reihe von Umbewertungen
gesellschaftlichen Verhaltens, kultureller Güter, Verhaltensweisen. In
dieser Hinsicht besteht natürlich eine, hier bereits intendierte enge
Verbindung zwischen den Entwicklungen im Bereich der Sozialpolitik und denen der
Tarifpolitik. Auflösung des Flächentarifvertrages sowie Deregulierung (besser
Neuregulierung) der sozialen Beziehungen im Arbeitsleben und Privatisierung der
Lebensrisiken sind spiegelbildliche Prozesse.
Dies
betrifft aber letztlich auch breite Teile der von Schröder immer wieder
beschworenen Neuen Mitte. Auf der Scheide zwischen Barbarisierung, sprich der
Durchsetzung in einem letztlich doch monopolisierten Markt, und an
humanistischen Werten orientierter Selbstverwirklichung in neuen kreativen
Bereichen stellt sich hier tatsächlich eine konkrete Frage an jeden der Akteure
– die Frage nach der Wertschätzung des Zivilisationsgewinns, den der
„alte“ Kapitalismus hervorbringen musste, um ihn schließlich wieder
abwerfen zu können.
Der Kampf um die Bewahrung dieses Zivilisationsgewinns, so mager er heute auch aus der Sicht der großen alternativen Gesellschaftsentwürfe und ihrer Realisierungsversuche auch erscheinen mag[2], ist jetzt zu einer entscheidenden Frage für den Weg der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft überhaupt geworden. Dies dürfte wenigstens mittelfristig zu neuen Interessenkonstellationen in der Gesellschaft führen und damit auch die Möglichkeiten und die Notwendigkeit für neuartige Bündniskonstellationen innerhalb der gewerkschaftlichen und betrieblichen Bereiche, aber auch weit darüber hinaus, vor allem im mittelständischen Bereich eröffnen. Auf die damit verbundenen Herausforderungen hat noch keine politische Kraft gegenwärtig Antworten.
(erschienen
in der Zeitschrift Utopie kreativ)
[1] Galbraith, John Kenneth, Die Geschichte der Wirtschaft im 20.Jahrhundert, Hoffmann und Campe, 1. Aufl., Hamburg 1995. S. 281
[2] Es mag eine der Ursachen des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus sein, dass mindestens seit den siebziger Jahren die Bewahrung oder genauer die Aufhebung dieses Zivilisationsgewinns praktisch nicht realisiert wurde.